Wird Corona die Gesellschaft verändern?

Michael Voit (geb. Hartl)
Von Michael Voit (geb. Hartl)
22. April 2020

Das Coronavirus lässt hitzig diskutieren. Über seine Gefährlichkeit oder Harmlosigkeit. Oder über die Maßnahmen der Regierungen. Und schafft dabei, was mich oft stört: Er polarisiert die Gesellschaft. Oft habe ich den Eindruck, dass gerade auf Social Media hauptsächlich absolute Positionen vertreten werden: Voll dafür oder voll dagegen.

Mit Clemens Arvay, einem österreichischen Diplombiologen und Sachbuchautoren mit dem Schwerpunkt der Gesundheitsökologie, kam es vor einer Woche etwa dann zu einer Diskussion. Auf Social Media. Zwischen ihm und mir. Und obwohl ich mir sicher war, dass wir sehr ähnlich ticken, hat es sich dort irgendwie nach laufendem contra geben angefühlt…

Zeit also, für ein Telefonat und ein paar konkrete Fragen.

Michael: Aktuell erfährst Du für die ein oder andere Position, die Du vertrittst, ordentlich Gegenwind. Möchtest Du uns diese Positionen kurz schildern?

Clemens: Am Umgang mit der Covid-19-Pandemie kritisiere ich vor allem, dass der Eindruck vermittelt wird, wir hätten es mit einer einzigartigen Situation zu tun, die wir nur irgendwie überwinden müssten, um dann den gewohnten Lebenswandel fortzusetzen. Derzeit hören wir das unter anderem im Zusammenhang mit einer möglichen Impfung. Wenn diese bald kommt, so heißt es, könnten wir »zurück zur Normalität«[1].

Portrait-Foto des Biologen und Autors Clemens Arvay.
Clemens Arvay (Fotocredit: Lukas Beck, Wien)

Anscheinend haben wir die »Corona-Lektion« nicht verstanden! Wir sollten nach der Pandemie nie wieder weitermachen wie davor, weil Covid-19 auch die Folge von Umweltzerstörung, Ausbeutung von Menschen und Tieren sowie einer maßlos globalisierten Wirtschaft ist. Ich behaupte, dass schon lange viel größere globale Gesundheitsbedrohungen existieren als das neue Coronavirus. Nur bisher haben wir von diesen nicht täglich in den Medien gehört und es gab leider keine Maßnahmenpakete dagegen.

Michael: Welche globalen Gesundheitsbedrohungen sind das?

Clemens: Jedes Jahr sterben ungefähr neun Millionen Menschen an Hunger – alle zehn Sekunden trifft es ein Kind unter zehn Jahren[2]. Diese katastrophale Bilanz hängt unter anderem, aber nicht nur, mit der expansiven Art des Wirtschaftens der Industrienationen zusammen. Ressourcenungerechtigkeit, Landraub, Vertreibung von Kleinbauern und Zerstörung von Ökosystemen durch unsere Agroindustrie stehen ganz oben auf der Liste der Verursacher von Hunger. Minderwertige Nebenprodukte unserer Fleischindustrie, die in der Wohlstandsgesellschaft niemand will, werden zu Dumpingpreisen nach Afrika, Asien und Südamerika exportiert – sogar aus der Bioindustrie, weil bei uns auch beim Biohuhn fast nur mehr das Brustfilet gegessen wird. Die Billigexporte zerstören im globalen Süden den regionalen Markt, was besonders absurd ist, wenn man bedenkt, dass in diesem Fleisch bereits Futtermittelenergie aus benachteiligten Regionen steckt. Der Klimawandel verschärft den Hunger, und wir im Westen sind die Hauptverursacher der globalen Erwärmung.

Wegen Covid-19 hören wir von unseren Politikerinnern und Politikern jetzt erstmals Bekenntnisse wie »Menschenleben vor Wirtschaft«. Aber scheinbar entdecken sie ihre soziale Ader erst jetzt, wo es auch uns betrifft. Solange die Gesundheit anderer betroffen war, war ihnen das völlig egal.

Wo waren die längst überfälligen Sofortmaßnahmen der »solidarischen« Gesellschaft, um hungernden Kindern das Leben zu retten?

Clemens G. Arvay, Diplombiologe und Sachbuchautor

Ich erinnere an 2014, als in Westafrika 11.000 Menschen an Ebola starben, darunter viele Kinder[3]. Die »Ärzte ohne Grenzen« hatten rechtzeitig Alarm geschlagen, stießen aber sogar bei der WHO auf taube Ohren. Man hätte durch internationale Zusammenarbeit Menschenleben retten können. Wo war der Medienaufschrei? Es war uns offenbar wichtiger, Talente-Shows und seichte Comedy zu zeigen.

Jedes Jahr sterben weltweit 9,5 Millionen Menschen an Krebs, davon 1,4 Millionen in Europa[4]. Tendenz steigend. Tumorerkrankungen werden unter anderem durch Umweltgifte, ungesunde Ernährung und Lebensstilgewohnheiten begünstigt. Diese Zusammenhänge sind mir aus der medizinischen Ökologie, meinem Fachgebiet, wohlbekannt. Wo waren die Umweltmaßnahmen und Ernährungskampagnen, um viele Menschen vor Krebs zu bewahren?

Coronavirus und Influenzavirus kann man nicht gleichsetzen – aber vergleichen

Michael: In einem deiner Videos erwähnst Du auch die Influenza. Ist es nicht eine Verharmlosung des Coronavirus, Covid-19 mit der Influenza zu vergleichen?

Clemens: Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Ich möchte damit nur sagen, dass die Öffentlichkeit jetzt erstmals auf Gesundheitsprobleme schaut, die nicht grundsätzlich neu sind, über die sich aber viele bisher nicht bewusst waren. Warum waren uns die jährlich 290.000 bis 650.000 Influenzatoten[5] bisher egal? Alleine in Deutschland erliegen jedes Jahr 5.000 bis 30.000 Menschen einer Influenzainfektion[6]. Die WHO stuft die Influenza regelmäßig als Pandemie ein[7]. Die Risikogruppen sind, wie beim Coronavirus, hochbetagte Menschen mit fortgeschrittenen Vorerkrankungen. Und bei beiden Infektionserkrankungen kommt es zu vereinzelten Todesfällen außerhalb der Risikogruppe. Ich kannte zum Beispiel einen Mann, der mit knapp 40 Jahren an Influenza verstorben ist.

Natürlich sind diese Sterbezahlen epidemiologische Schätzungen, denn bislang hat man Erkrankte ja kaum getestet, um festzustellen, welches Virus vorlag. Aber Messfehler gibt es mit Sicherheit auch bei Covid-19, da ja im deutschsprachigen Raum jeder Verstorbene, bei dem das neue Coronavirus nachgewiesen wird, als »Coronatoter« gezählt wird, selbst dann, wenn er oder sie schon in palliativmedizinischer Betreuung war, also bedauerlicherweise am Ende des Lebens stand.

Von Anfang an beklage ich die mangelhaften Evidenzen und den unwissenschaftlichen Umgang mit Zahlen in dieser Angelegenheit. Wie sollen Leute vor dem Fernseher die Coronazahlen einordnen, wenn ihnen keine geeigneten Referenzwerte angeboten werden? Auch die Zahl der Influenzatoten hätten wir übrigens sehr wohl reduzieren können! Weniger von dem wahnsinnigen globalen Flugverkehr, weniger kommerzielle Massenveranstaltungen während der winterlichen Erkrankungswellen, mehr Aufklärung über Hygiene- und Abstandsregeln und mehr regionales Wirtschaften hätten bereits viel gebracht.

Michael: Wieso denkst Du, treffen Regierungen bestimmte Entscheidungen, die Du und manche Deiner Mitstreiter*innen für so gravierend falsch haltet?

Clemens: Ich glaube, dass es zu Beginn keine Alternative zum Lockdown gab. Allerdings liegen nun genügend Daten vor, um den Blindflug zu beenden. Spätestens seit der deutschen Kohortenstudie von Prof. Streeck wissen wir, dass das Coronavirus hier bei uns kein »Killervirus« ist. Die Mortalitätsrate liegt laut Streeck bei maximal 0,37 Prozent[8]. Ich weiß, dass es auch Kritik an seinen vorläufigen Ergebnissen gibt, aber immerhin decken sie sich mit den Analysen eines der renommiertesten Epidemiologen der Welt, John Ioannidis. Der Professor an der Stanford University ging schon vor Streeck von einer Mortalitätsrate von 0,05 bis 1 Prozent aus und warnte vor übertriebenen Darstellungen in den Medien, die Panik auslösen[9]. In einer öffentlichen Ansprache auf YouTube schätzte Ioannidis die Todesrate der mit Corona infizierten schließlich auf 0,2 Prozent.[10] Nur knapp 7 Prozent der Betten auf deutschen Intensivstationen sind derzeit mit Covid-19-Patienten belegt, die beatmet werden. Hinzu kommen 2,7 Prozent ohne Beatmung. 48,8 Prozent sind mit anderen Intensivpatienten ohne Coronainfektion belegt und 41,7 Prozent sind frei[11].

Tortengrafik zur Belegung der deutschen Intensivbetten mit Covid-19-Patient*innen während der Coronakrise.
Belegung der Betten auf deutschen Intensivstationen

Seit Monaten hören wir, wir befänden uns in der »Ruhe vor dem Sturm«, kurz vor einem »Tsunami«. Aber der scheint einfach nicht zu kommen. Noch am 30. März sagte der österreichische Kanzler Kurz sowohl in der Zeit im Bild Spezial als auch auf Krone TV, dass es jetzt schon sicher sei, dass bald jeder einen Menschen kennen werde, der an »Corona« verstorben sein wird[12]. Für eine derartige Prognose gibt es keine Evidenzen. Es ist verantwortungslos, den Ausgang der Krise auf diese Weise vorwegzunehmen.

Und immer wieder sprechen Politikerinnen und Politiker von den lombardischen Verhältnissen, die uns noch immer drohten. Doch in Norditalien spielte noch eine Reihe anderer Sonderfaktoren neben dem Virus eine Rolle für die Eskalation, zum Beispiel ein generell massives Problem mit Krankenhauskeimen, eine im Vergleich zu Deutschland nur 25-prozentige Kapazität an Intensivbetten[13] sowie der Einsatz von zigtausenden Billigarbeitskräften aus China in der Textilindustrie unter beengten Bedingungen und ohne Krankenversicherung. Außerdem ist Norditalien eine der am stärksten durch Feinstaub und Umweltgifte belasteten Regionen Europas.

Österreich ist nicht Italien

Der Mediziner und Public Health Experte Dr. Martin Sprenger, der Mitglied der Corona-Taskforce des österreichischen Gesundheitsministeriums war, sagte schon am 6. April öffentlich, dass lombardische Verhältnisse bei uns keinesfalls zu befürchten stünden. Sprenger beklagte den verzerrten Umgang mit der Datenlage: »Plötzlich verfolgt die österreichische Gesellschaft das Sterbegeschehen auf Dashboards, informiert sich täglich über die aktuellen Zahlen und kann es nicht fassen, dass auch in Österreich gestorben wird.«[14] Von ZIB-Moderator Armin Wolf noch am selben Abend auf diese Aussagen angesprochen, sagte Kanzler Kurz, er habe zum Glück nie auf die »falschen Experten« gehört. Bereits am 9. April verließ Dr. Sprenger die Task Force. »Bei Kanzler Sebastian Kurz waren seine Äußerungen nicht gut angekommen«, berichtete etwa die Tageszeitung Kurier[15]. Der Standard habe »auch von anderen Experten, die mit der Regierung zusammenarbeiten«, erfahren, dass »die öffentliche Äußerung von wissenschaftlichem Dissens nicht so gern gehört werde […].«[16]

Ich stehe im Kontakt mit zahlreichen Expertinnen und Experten aus Medizin und Biowissenschaft, die befürchten, dass die Regierung einen Rückgang der Infektionsraten mit dem Coronavirus jedenfalls als eigenen Erfolg verbuchen wird, obwohl virale Infekte jedes Jahr ab Anfang April zurückgehen und es sich nicht überprüfen lässt, wieviel Anteil an der Entwicklung der Lockdown und wieviel der Frühling hat. Auf die Frage zurückkommend, warum die Regierung also gewisse Entscheidungen treffe: Ich glaube, eine nicht unwesentliche Motivation ist, das schon früh festgelegte »Killervirus-Narrativ« um jeden Preis einzulösen und das eigene politische Handeln uneingeschränkt als richtig zu verkaufen. Um Daten und Evidenzen geht es schon lang nicht mehr, und auch nicht um eine ausgewogene, differenzierte Aufklärung der Bevölkerung. Und DAS nehme ich den Regierungen wirklich krumm – nicht nur in Österreich.

Ich glaube, eine nicht unwesentliche Motivation ist, das schon früh festgelegte »Killervirus-Narrativ« um jeden Preis einzulösen.

Clemens G. Arvay, Diplombiologe und Sachbuchautor

Michael: Gegen welche aktuelle Verordnung wehrst Du Dich am meisten?

Clemens: Das ist eindeutig der Zwang, Mundschutz zu tragen, der in Österreich jetzt für alle Menschen gilt, wenn sie einen öffentlich zugänglichen Innenraum, wie zum Beispiel ein Geschäft oder ein öffentliches Verkehrsmittel, betreten. Ein Zwang für 9 Millionen Menschen wegen des Coronavirus ist nicht verhältnismäßig. Selbst die WHO hat mehrmals empfohlen, dass Mundschutz nur von Personen mit respiratorischen Symptomen getragen werden soll, also wenn man hustet oder niest, und natürlich bei der Pflege von Risikopatienten[17].

Ich weiß, dass es Laborexperimente gibt, die zeigen, dass manche Arten des Mundschutzes Viren bis zu einem gewissen Grad zurückhalten, also die soziale Umwelt eines Infizierten schützen könnten. Allerdings sind solche experimentellen Messergebnisse mit Vorsicht zu genießen. Es findet ja nur ein einzelner Impact statt (Niesen, Husten oder eine Simulation davon), und das unter kontrollierten Bedingungen. Wie sich die Mundbedeckungen in der Praxis »verhalten«, wenn sie per Zwang an Millionen Menschen ausgegeben werden, ist eine völlig andere Frage, noch dazu in einer Kultur, die den Umgang mit Mundschutz nicht gewohnt ist.

Bild von Clemens Arvay mit Atemschutzmaske, der nicht mit allen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus einverstanden ist.

Es ist eine mikrobiologische Tatsache, dass Mundschutz auch Gefahren birgt: Unter der Maske entsteht durch die Atemluft ein ständig feuchtes Mikroklima, in dem die Viren nicht durch Austrocknung inaktiviert werden. Sie können dadurch längere Zeit infektiös bleiben. Viele Menschen greifen immer wieder an die Maske, um sie zurechtzurücken, zu lüften, kurz abzulegen und so weiter. Dadurch können aktive Viren an die Hände gelangen. Gerade Infizierte ohne respiratorische Symptome könnten auf diese Weise das Virus durch Schmierinfektionen verbreiten. Generell ist es besser, Abstand zu halten und in die Armbeuge zu nießen, da der Stoff unserer Kleidung und die Luft den Viren Feuchtigkeit entziehen und sie dadurch rasch deaktivieren. Es könnte sogar sein, dass Menschen wegen des Mundschutzes jetzt nicht in die Armbeuge nießen oder weniger Abstand halten, weil sie sich in trügerischer Sicherheit fühlen. Das wäre kontraproduktiv.

Die Evidenzlage reicht nicht aus, alle Menschen dazu zu zwingen, das Symbol für die neue »Killervirus-Wirklichkeit« gegen ihren Willen in ihrem Gesicht zu tragen. Eine Empfehlung wäre akzeptabel, aber kein Zwang. Wenn schon Mundschutz, dann wäre es doch besser, den Risikogruppen medizinisch zugelassene FFP3-Masken zur Verfügung zu stellen, denn diese schützen auch den Träger und die Trägerin. Überhaupt sollten die Maßnahmen jetzt viel gezielter geplant werden.

Wie gehen wir als Einzelne mit dem Coronavirus um?

Michael: Wie soll sich aus Deiner Sicht denn der Einzelne jetzt verhalten?

Clemens: Momentan scheinen Menschen einander vor allem als potenzielle Infektionsquellen zu betrachten. Das ist das bedauerliche Resultat der einseitigen Information. Wir sollten einfach

  • auf ausreichend Abstand zu anderen Menschen achten,
  • die sozialen Kontakte vorläufig noch reduzieren und
  • auf eine gründliche Handhygiene aufpassen.

Angst und Paranoia sind fehl am Platz. Die Daten liefern einfach derzeit bei uns keinen Grund dafür.

Und ich möchte noch etwas sagen: Viren springen nicht im Vorbeigehen von einem Menschen zum anderen. Es ist daher nicht nötig, fluchtartig auf die andere Straßenseite zu hüpfen, nur weil ein menschliches Wesen entgegenkommt. Welches furchtbare Signal vermitteln wir doch damit unseren Mitmenschen!

Michael: Sehen wir in der aktuellen Coronakrise, wie sie genannt wird, Muster, die Du immer wieder erkennst?

Clemens: Das besorgniserregendste Muster ist für mich das mediale Muster. Seit Beginn der Corona-Krise können wir beobachten, wie zunächst die Medien die Politik vor sich hertreiben, dann die Politik die Medien, und jetzt kann man eigentlich gar nicht mehr sagen, wer wen vor sich hertreibt. Die mediale Berichterstattung kann in vielen Fällen nur mehr als Sensationalismus bezeichnet werden. Jeden Tag lesen oder hören wir von irgendwelchen neuen, erschreckenden »Erkenntnissen«. So wie anfangs jeder einzelne Coronatote im TV gezählt wurde, werden uns jetzt zum Beispiel einzelne Patienten vorgeführt, bei denen das Virus nach der Remission wieder nachgewiesen werden konnte und die Symptome zurückkamen. Entschuldigung, aber so etwas nennt man »Rückfall« und es kommt bei jeder viralen Erkrankung bei einem bestimmten Prozentsatz der Geheilten vor. Medial verbreitet sich aber voreilig die Meldung, das Virus KÖNNTE so schlimm sein wie HIV und für immer im Körper bleiben. Oder das Virus KÖNNTE über den Atem verbreitet werden.

So etwas nennt man »Rückfall« und es kommt bei jeder viralen Erkrankung bei einem bestimmten Prozentsatz der Geheilten vor.

Clemens G. Arvay, Diplombiologe und Sachbuchautor

Ja, man hat RNA und Hüllenbestandteile des Virus unter Laborbedingungen in der Atemluft gefunden. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die Ansteckung durch Atem im normalen Alltag eine signifikante Rolle spielt. Selbst wenn die Virionen in den Aerosolen der Atemluft infektiös sind, werden sie beim Ausatmen sofort ausreichend durch Luft verdünnt, sodass ihre Konzentration für eine Infektion nicht mehr ausreicht. Wenn überhaupt, dann spielt Atemluft nur in Situationen mit engem Körperkontakt eine Rolle, dazu zählen auch Pflegesituationen, aber sicher nicht im sozialen Alltag oder in einem Geschäft. Selbst die Forscher, die das Coronavirus in der Atemluft nachgewiesen haben, betonen, dass das kein Nachweis der Infektiosität ist[18]. Prof. Streeck, der im deutschen Sprachraum am meisten in vivo an Coronapatienten geforscht hat, geht ebenfalls davon aus, dass eine Ansteckung über die Luft nicht stattfindet[19]. Ich verstehe schon, dass Medien ständig etwas Neues, Bahnbrechendes berichten wollen, aber leider werden die Menschen durch solche Schnellschüsse nur noch mehr verunsichert. Ich erwarte eine besonnenere, differenziertere Berichterstattung. Das hat mit Verantwortung zu tun.

Welche Veränderung unserer Gesellschaft braucht es nach Corona?

Michael: Was müsste sich also konkret in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft ändern?

Clemens: Ich hoffe sehr, dass wir Covid-19 als »letzte Warnung« verstehen. Danach darf es nie wieder weitergehen wie davor, sonst steht uns bald eine wirklich »apokalyptische« Gesundheitsbedrohung bevor. Ich erwarte, dass der menschliche Lebensraum wieder »artgerecht« gestaltet wird: Mehr Grünflächen, weniger Zerstückelung, weniger industrielle Störfaktoren, damit unser Immunsystem wieder ausbalanciert wird. Wir wissen, dass sogar der Abrieb von Autoreifen unsere Immunfunktion schwächt und wir anfälliger für virale Infektionen werden. Mittlerweile liegen bereits zwei Studien vor, die belegen, dass die Mortalität des Covid-19-Erregers signifikant mit hoher Umwelt- und Feinstaubbelastung korreliert[20]. Ich gehe davon aus, dass dies mit einer dadurch bedingten Vorbelastung des Immunsystems und der Atemwege zusammenhängt. Intensivtierhaltung, zum Beispiel bei Geflügel, könnte dazu führen, dass ein Virus mit noch viel verheerenderen Folgen von Tieren auf den Menschen überspringt.

Wir brauchen mehr regionale Produktion, weniger globalen Waren- und Flugverkehr, um die Krankheitsausbreitung in Zukunft besser abzupuffern. Wir dürfen keinesfalls glauben, dass wir Covid-19 – die letzte Warnung – nur irgendwie überstehen müssten und dann zurück zur alten Normalität kommen können. Auch eine Impfung entbindet uns nicht von der Verpflichtung, künftig nachhaltiger und ökologischer zu leben und wirtschaften. Denn Viren verändern sich rasch. Nur auf Impfungen zu setzen ist so, als würde man einen löchrigen Gartenschlauch überall mit Klebeband flicken. Das hält nicht lang. Es reicht vielleicht aus, um kurzfristig das Vertrocknen der Gartenkultur zu verhindern, aber um die Kultur zu retten, muss man den ganzen Schlauch austauschen.

Michael: Clemens, vielen Dank Dir schon mal für Deine Antworten. Eine letzte Frage. Lass uns gemeinsam träumen: Wie sieht für Dich eine Gesellschaft aus, die wir gemeinsam gestalten sollten?

Clemens: Ich wünsche mir eine wirklich solidarische Gesellschaft. Eine, die ihre »Solidarität« nicht erst entdeckt, wenn es uns selbst an den Kragen geht, sondern auch dann, wenn es Menschen in anderen Regionen betrifft. Ich möchte, dass unsere Politikerinnen und Politiker beweisen, dass sie es ernst meinen: Menschenleben vor Wirtschaft. Das haben sie gesagt. Und darauf sollten wir sie festnageln. Und wenn Du mich schon nach meinen Träumen fragst: Ich hoffe, dass sich die Solidarität unserer Gesellschaft dann endlich auch auf andere Spezies ausweitet, die ebenfalls unter unserer Wirtschaftsweise leiden. Das wünsche ich mir.


Was hältst Du von Clemens Sichtweise? Und welche Lehren denkst Du, sollten wir aus dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ziehen? Ab in die Kommentare damit!


Clemens Arvay ist Diplombiologe und Sachbuchautor mit dem Schwerpunkt der Gesundheitsökologie. Von ihm stammen u.a. die Bestseller „Der Biophilia-Effekt“ und „Der Heilungscode der Natur„. Er ist Mitautor von „International Handbook of Forest Therapy„, dem wissenschaftlichen Standardwerk zur angewandten Waldmedizin.

Seine Website mit aktuellen Blogartikeln findest Du unter clemensarvay.com.


Fußnoten / Quellen

9 Gedanken über “Wird Corona die Gesellschaft verändern?

  1. Michaela Wambacher

    Wie eine Schafherde lassen wir uns jeden verordneten Unsinn gefallen, sogar wenn er potenziell für die Gesundheit gefährlich ist. Mir tun alle leid, die jetzt in der Arbeit stundenlang eine Maske tragen müssen. Wie viele von ihnen werden dadurch wohl körperlich und psychisch krank werden. Schluss mit dem politisch verordneten Unsinn! Schluss mit der Hofberichterstattung mancher Medien, der ZIB…

  2. willi uebelherr

    Meine voellige Zustimmung.
    Clemens bezieht sich nicht auf eine spezifische Art der Milliardem von Vierenarten, mit denen wir taeglich zusammen leben und sie auch nowendig brauchen. Sucharit Bhakdi hat das kurz skizziert:
    10^13 Koerperzellen, 10^13 Bakterien und 10^14 Viren. Das, was hier passiert, ist die Stecknadel im Heuhaufen angreifen.
    Der einzige Weg, den wir haben, ist eine gesunde Lebensweise und -Umgebung herzustellen. Mit den PolitikerInnen geht das nicht, weil sie sich nur an Kapitalfluessen orientieren. Wenn wir irgendwann wissen, wie wir leben wollen, dann muessen wir uns die Gedanken darum machen, wie wir dies auch realisieren koennen. Mit den heutigen Methoden geht es definitiv nicht.

  3. Leoni

    Danke für dieses Interview!
    Da ist so viel dabei worüber wir uns wirklich Gedanken machen sollten, anstatt rum zu zetern, wer denn nun Recht hat: Aluhüte oder Normalbob.
    Unsere Welt besteht nicht nur aus Europa… und wir alle haben ein Recht auf ein gutes Leben.

  4. Christian Joks

    Ich bin besonders bei der Kritik an der Mundschutzpflicht bei ihm. Sie scheint wenig zu nützen, insbesondere das Beispiel Japan sollte da mehr Beachtung finden. Vor kurzem noch kriegten Mundschutzkritiker.innen das immer vorgehalten. Denn da schienen ja die Fallzahlen niedrig. Aber daran hat sich etwas geändert. Trotz hoher Maskenrate. Und immer wieder auch in offiziellen Stellungnahmen sollen Masken dann besonders herhalten, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann. Aber den mangelnden Abstand können Masken nicht ausgleichen. Solche Situationen müssen wir gerade vermeiden.

  5. Ulrike

    Danke für diesen tollen Artikel, den ich zutiefst bejahe…
    Clemens G. Arvay bringt in Österreich auf den Punkt, was auch für Deutschland gilt….
    Und ich ärgere mich masslos über die Entmündigung meiner Person und den Maskenzwang, der ab Montag auch für mich, die ich im Einzelhandel tätig bin, gilt. Ich weiß noch immer nicht, wie damit umgehen werde.

    Auf jeden Fall fonde ich diese Aussage sehr, sehr wichtig:

    „Wir brauchen mehr regionale Produktion, weniger globalen Waren- und Flugverkehr, um die Krankheitsausbreitung in Zukunft besser abzupuffern. Wir dürfen keinesfalls glauben, dass wir Covid-19 – die letzte Warnung – nur irgendwie überstehen müssten und dann zurück zur alten Normalität kommen können. Auch eine Impfung entbindet uns nicht von der Verpflichtung, künftig nachhaltiger und ökologischer zu leben und wirtschaften. Denn Viren verändern sich rasch. Nur auf Impfungen zu setzen ist so, als würde man einen löchrigen Gartenschlauch überall mit Klebeband flicken. Das hält nicht lang. Es reicht vielleicht aus, um kurzfristig das Vertrocknen der Gartenkultur zu verhindern, aber um die Kultur zu retten, muss man den ganzen Schlauch austauschen.“

  6. Edith

    Danke für das interessante Interview. Ich bin immer wieder überrascht, wie emotional aufgeladen dieses Thema ist und finde es persönlich auch sehr schade, dass es die Menschen so spaltet (auch in meinem Freundeskreis).

    Ich denke wir sollten uns davor hüten zu viele Emotionen hinein zu bringen. Das was passiert ist, ist ja schließlich auch etwas ganz natürliches. Viren gibt es länger als uns Menschen und so lange es Viren gibt, mutieren diese auch. Zufällig ist bei Corona eine Mutation entstanden, die auch beim Menschen Veränderungen hervorrufen kann. Das passiert doch auch im Tierreich und Pflanzenreich ständig.

    Grundsätzlich teile ich auch Clemens‘ Meinung, dass wir über die Folgen der Globalisierung nachdenken sollten und die Pandemie als Chance sehen sollten unsere Wirtschafts- und Konsumweise zu überdenken. Ohne die Globalisierung wäre es wohl nie zu einer Pandemie gekommen?

    Allerdings denke ich nicht, dass wir das Virus als „Rache der Natur“ oder „letzte Warnung“ sehen sollten. Auch das ist polemisch, emotional aufgeladen und kann zu Ängsten und Verunsicherung führen. Die Natur ist ja keine Person, die aktiv an uns Menschen Rache üben kann.

    Letztlich überleben immer diejenigen Individuen, die am besten angepasst sind und das können wir als Menschen steuern. Dazu zählt Hygiene, Abstand, Lokal bleiben und auch Mundschutz im richtigen Umgang (wenn Mundschutz unwirksam wäre, würde es im Krankenhaus/Labor ja auch niemand verwenden ;))

  7. AniG

    Das Beste, das ich seit langem gelesen habe.
    Bin zuversichtlich, dass viele Menschen umdenken werden. V. a. beim Einkaufen wäre es ja wirklich nicht schwer, auf regionale Produkte zu achten. Ich hoffe auch, dass vermehrt Videokonferenzen gemacht werden und somit unnötige Kurzstreckenflüge bzw. Autofahrten vermieden werden, ……es gäbe so vieles, das man besser machen könnte,…… jeder sollte darüber intensiv nachdenken!

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