Für ein Gutes Leben für alle müssen wir den Kapitalismus abschaffen

Ein Gespräch über Privilegien, Macht, Zwänge im Kapitalismus und Wege daraus

Von Tobi Rosswog
1. April 2021

Heute darf ich euch großartigerweise ein Interview mit Findus präsentieren. Das erste Mal begegnete ich ihr auf dem IPU Kongress und war ganz begeistert mit welchem wuseligen Elan sie für eine bessere Welt streitet und kämpft. Damals vielleicht noch ein bisschen im Hintergrund und heute ganz präsent.

Gemeinsam haben wir mit living utopia einiges auf die Beine stellen dürfen und 2018 auch gemeinsam das Funkenhaus mit ins Leben gerufen. Also: Zeit euch ein bisschen was von ihren Aktivitäten zu zeigen und euch zu inspirieren.

Tobi Rosswog: Stell Dich bitte kurz vor?

Findus: Hallo ich bin findus. Ich lebe zurzeit in Unser Aller Wald, einem Baumhausdorf im Rheinland, habe Psychologie studiert, setze mich in verschiedenen Projekten für gesellschaftliche Transformation ein und glaube, dass wir für ein Gutes Leben für alle den Kapitalismus abschaffen müssen.

Politisch aktiv sein: Dagegen und Dafür

Tobi Rosswog: Warum bist Du politisch aktiv?

Portrait der Aktivistin Findus

Findus: Weil ich privilegiert genug bin um es sein zu können. Damit will ich nicht sagen, dass weniger privilegierte Menschen nicht auch politisch aktiv sein können. Aber ich denke, für mich ist es deutlich leichter. Ich sehe es dadurch auch ein Stück weit als meine Verantwortung, gemeinsam mit anderen Menschen, nach Wegen zu suchen, wie ein gutes Leben für alle Menschen möglich ist.

Politisch aktiv zu sein bedeutet für mich aktiv Widerstand zu leisten gegen die gesellschaftlichen Zwänge des Kapitalismus. Dagegen, dass Profit über Bedürfnisse gestellt wird. Dagegen, dass Menschen Dinge tun müssen, die ihnen weder Freude bereiten, noch die sie für sinnvoll erachten, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Dagegen, dass unser gesamtes System auf Ausbeutung und Konkurrenz beruht. Dagegen, dass Menschen nicht die Möglichkeit haben über die Dinge, die sie brauchen zu verfügen und mitzuentscheiden, was damit passiert.

„Politisch aktiv zu sein bedeutet für mich aktiv Widerstand zu leisten gegen die gesellschaftlichen Zwänge des Kapitalismus.“ – Findus
Für ein Gutes Leben für alle müssen wir den Kapitalismus abschaffen 1

Politisch aktiv zu sein bedeutet für mich aber auch Alternativen zu diesem System aufzubauen und auszuprobieren. Räume zu schaffen, die nicht nach kapitalistischer Logik funktionieren. Räume in denen wir lernen können wie es ist kollektiv zu denken und uns gemeinsam zu organisieren. Räume in denen wir wieder lernen freiwillig wichtige Arbeiten zu tun – weil sie relevant für das Funktionieren der Gesellschaft sind und damit auch für uns. Räume in denen wir versuchen strukturelle Diskriminierungen abzubauen und unser Verhalten und Denken zu reflektieren.

Vor allem aber bin ich politisch aktiv, weil es Spaß macht und sich gut und richtig anfühlt. Weil ich jeden Tag merke, dass es für mich die einzig sinnvolle Tätigkeit ist, die ich mir gerade vorstellen kann. Und es fühlt sich sehr frei und selbstbestimmt an.

Aber mir ist bewusst, dass viele Menschen nicht so privilegiert sind und ein freies, selbstbestimmtes, widerständiges Leben führen können. Dafür möchte ich gemeinsam mit ihnen kämpfen. Kein Mensch ist frei, solange nicht alle Menschen frei sind.

Tobi Rosswog: Wie organisierst Du Dich?

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Findus: Gerade organisiere ich mich vor allem mit Menschen, die auch im Rheinland aktiv sind – in unserem Baumhausdorf in Unser Aller Wald bei Keyenberg und in Lützerath. Das sind beides Dörfer in denen RWE gerade für Braunkohleabbau Häuser zerstört und Bäume rodet.

Gleichzeitig bin ich Teil von einem Netzwerk aus solidarischen Bezugsgruppen, die sich zu Themen der Klimagerechtigkeit organisieren und gemeinsam kämpfen. Ich bin in einer dieser Bezugsgruppen, KidZ, organisiert. Wir teilen uns unser Geld und wollen einander emotionalen Rückhalt geben und füreinander da sein. Wir versuchen wieder zu lernen, wie kollektives Leben und Denken jenseits von Leistungslogik funktioniert. Wir versuchen eine gemeinsame Basis zu schaffen, um langfristig politisch aktiv zu sein und um in einem gewissen Rahmen die Tätigkeiten tun können, die wir wirklich tun wollen und die wir für sinnvoll halten.

Widerstand im Wald und Dörfer retten

Tobi Rosswog: Was macht ihr da in Lützerath/ Unser Aller Wald genau?

Findus: Lützerath (was wir liebevoll Lützi nennen) und Keyenberg (wo Unser Aller Wald ist) sind zwei von sieben Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier, die noch für den Abbau von Braunkohle zerstört werden sollen.

Auf der einen Seite sind wir vor Ort um Widerstand gegen die kapitalistische Zerstörung zu leisten. Auf der anderen Seite versuchen wir solidarische Beziehungsweisen aufzubauen und ein Leben, das nach anderer Logik funktioniert.

„Auf der einen Seite sind wir vor Ort um Widerstand gegen die kapitalistische Zerstörung zu leisten. Auf der anderen Seite versuchen wir solidarische Beziehungsweisen aufzubauen und ein Leben, das nach anderer Logik funktioniert.“ – Findus

So soll Unser Aller Wald und der Widerstand in Lützerath und den Dörfern inspirieren. Er soll Menschen dazu befähigen, sich selbst und die Bedingungen, unter denen wir leben zu verändern.

Da Lützerath das Dorf ist, das als nächstes dem Tagebau weichen soll, wurden dort schon Bäume gerodet und Häuser dem Erdboden gleich gemacht. Trotz Corona und Winter sind dort aber viele Menschen, die sich dagegen wehren – mit bunten Aktionen, Gottesdiensten, social media Arbeit, Essen für alle, Kino- und Tanzabenden, Bauprojekten und vielem mehr.

Aktionsbanner, der Gutes Leben für alle fordert. Schriftzug am Banner, der zwischen zwei Bäumen gespannt ist lautet: In was für einer Welt wollen wir leben?

Wir wollen zusammen mit den Menschen in den Dörfern andere Strukturen aufbauen, um gemeinsam wieder zu lernen, wie ein kollektives Leben funktioniert. Es gibt Pläne für solidarische Landwirtschaften, gemeinsame Lebensmittellager, regelmäßiges Abendessen für alle, ein Café, das viele Menschen gemeinsam gestalten können, eine Bibliothek, Kulturveranstaltungen, die für alle zugänglich sind, regelmäßige Treffen um weitere Veranstaltungen zu planen oder Themen zu besprechen etc.

„Wir wollen zusammen mit den Menschen in den Dörfern andere Strukturen aufbauen, um gemeinsam wieder zu lernen, wie ein kollektives Leben funktioniert.“ – Findus

In Unser Aller Wald, bauen wir gerade weitere Baumhäuser, die im Falle einer Räumung besetzt werden können, die aber auch ein temporäres Zuhause für uns sind. Ein Zuhause, das wir mit vielen Menschen teilen und in dem wir versuchen, schon einiges anders zu machen als es sonst so üblich ist. Die täglich anfallenden Arbeiten werden möglichst so verteilt, dass alle das tun können, was sie gerne tun. Aufgaben wie Kochen, sauber machen und sich um das emotionale und physische Wohlergehen der ganzen Gruppe zu kümmern, bleiben in dieser Gesellschaft meistens an Menschen hängen, die als Frau sozialisiert wurden. Auch darüber reden wir und versuchen das zu verändern, indem alle regelmäßig diese Aufgaben machen.

Tobi Rosswog: Warum ist Euer Engagement gerade jetzt im Moment so wichtig?

Findus: Obwohl wir alle wissen, dass wir jetzt handeln müssen um den Klimawandel und die verheerenden sozialen und ökologischen Folgen zu stoppen, geht die Zerstörung der Dörfer und der Abbau von Braunkohle weiter. Im Kapitalismus geht es nicht um die beste Lösung für alle Menschen, sondern um Wirtschaftlichkeit und Profit. Es ist unmöglich den Klimawandel und seine Folgen in diesem System zu verhindern. Wir brauchen wir auf gesamtgesellschaftlicher Ebene einen Systemwandel.
Denn es passiert nicht nur hier, dass Profite eines Großkonzerns über Bedürfnissen von Menschen stehen, sondern auch an ganz vielen anderen Orten der Welt an denen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, Fluchtursachen verstärkt und letzten Endes uns allen die Lebensgrundlage genommen wird.

„Im Kapitalismus geht es nicht um die beste Lösung für alle Menschen, sondern um Wirtschaftlichkeit und Profit. Es ist unmöglich den Klimawandel und seine Folgen in diesem System zu verhindern.“ – Findus

Wir können auch nicht darauf warten, dass Regierung die Probleme für uns löst, denn auch sie kann nur im Rahmen des kapitalistischen Systems handeln. Wenn wir also unsere Lebensgrundlage erhalten und die Ausbeutung von Menschen und Natur stoppen wollen, müssen wir den Kohleausstieg vor Ort, aber auch die Veränderung des gesamten gesellschaftlichen Systems selbst in die Hand nehmen. Und zwar nicht 2038, sondern jetzt.

Gemeinsam mit den Menschen in den Dörfern können wir eine widerständige Region aufbauen in der wir zum einen zeigen, was wir nicht wollen und zum anderen miteinander aushandeln, wie wir uns ein Leben jenseits von Konkurrenz und Profitzwang vorstellen.

Lasst uns gutes Leben für alle konkret ausprobieren

Wie genau das aussehen soll weiß ich selber noch nicht genau. Vermutlich haben wir alle davon auch unterschiedliche Vorstellungen.

Ich glaube, dass der Weg dorthin ganz viele kleinteilige Schritte beinhaltet. Vor allem erstmal wieder miteinander in Kontakt zu kommen und über Utopien zu sprechen. Gemeinsamkeiten zu finden und mit Unterschieden umgehen zu lernen. Zu lernen, was Selbstorganisation bedeutet. Eine Struktur zu finden für eine gemeinsame Lebensmittelversorgung oder für regelmäßige Treffen in denen Aufgaben verteilt und Probleme diskutiert werden. Wieder zu lernen zu teilen, sich gegenseitig zu unterstützen und Vertrauen aufzubauen. All das klingt so klein, aber ich glaube genau das sind die Dinge, die wir brauchen, um die großen Fragen anzugehen.

Tobi Rosswog: Du sprichst von den Menschen, die in der Region leben, wie von Verbündeten. Und das ihr aushandelt, wie ihr Euch ein Leben jenseits von Konkurrenz und Profitzwang vorstellt. Aber mal angenommen, das Dorf wird gerettet – glaubst Du das dort Utopia entsteht oder werden nicht die meisten Menschen einfach wieder zurückkehren zu ihren gewohnten Lebensweisen?

Findus: Bei dieser Frage muss ich schmunzeln.

Nein, ich glaube nicht, dass Utopia entsteht, wenn Lützerath und die anderen 7 Dörfer gerettet sind. Wir haben über so viele Generationen hinweg gelernt, dass wir miteinander in Konkurrenz leben, unser Eigentum schützen und anhäufen müssen, nicht nach Bedürfnissen oder Fähigkeiten leben, allein für unser Wohlbefinden verantwortlich sind und dafür meist andere Menschen, uns selbst und die Natur ausbeuten müssen etc. All das wieder zu verlernen wird lange dauern.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die einmal gespürt haben, dass es auch anders geht, das nicht mehr einfach so vergessen können. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die Menschen in den Dörfern einfach wieder weitermachen würden wie zuvor.

„Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die einmal gespürt haben, dass es auch anders geht, das nicht mehr einfach so vergessen können.“ – Findus

Genau das ist auch die Hoffnung die ich habe: Es werden immer mehr Menschen, die spüren, dass es möglich ist anders zusammen zu leben. Dass kollektives Denken und Handeln nicht nur möglich ist, sondern sich richtig anfühlt und gut tut. Und genau das ist einer der ersten Schritte, die wir gehen müssen, um herauszufinden, wie eine Gesellschaft jenseits von Kapitalismus funktionieren kann.

Tobi Rosswog: Was möchtest Du noch mitgeben?

Findus: Mir ist nochmal wichtig zu betonen, dass „wir“, als deutsche Klimagerechtigkeitsbewegung nur einen sehr geringen Teil der Gesellschaft abdecken und Kämpfe in anderen Ländern schon viel länger geführt werden.

Um eine Gesellschaftsform zu finden, die für uns alle gut ist, müssen wir aufeinander zugehen, einander zuhören und zusammenarbeiten. Damit das überhaupt möglich ist, müssen wir uns, als weißer, westlicher Teil der Bewegung mit unseren Privilegien, Rassismen und kolonialen Kontinuitäten auseinandersetzen und die strukturellen Diskriminierungen, die damit einhergehen, abbauen.

Und das ist nicht nur so ein Gelaber am Schluss, sondern das meine ich ernst und das gilt auch für mich. Wenn wir wirklich eine Gesellschaft wollen in der alle ein gutes, freies Leben führen können, dann müssen wir uns den Kämpfen der Menschen anschließen, die weniger privilegiert sind und gemeinsam, Seite an Seite kämpfen!

2 Gedanken über “Für ein Gutes Leben für alle müssen wir den Kapitalismus abschaffen

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