Bildung in Krisenzeiten

Erfahrungen, Herausforderungen und Perspektiven

Von Charlotte von Bonin
19. März 2021

Kontaktbeschränkungen, stundenlange Onlinevorlesungen, allein lernen für die Klausurenphase – und das alles in einem 10 qm WG-Zimmer. 

So sieht aktuell der Alltag vieler junger Menschen aus. Ich studiere ebenfalls und bin vertraut mit den stundenlangen Telefonaten, Videokonferenzen abwechselnd mit Spaziergängen und dem Lockdown-Highlight: Einkaufen im Supermarkt! Endlich andere Menschen! 

Allerdings ist der Corona-Alltag für die meisten jungen Menschen ganz schön schwer. Viele haben ihre Kommiliton*innen noch nie gesehen und verbringen fast den gesamten Tag in ihren WG-Zimmern, die inzwischen nicht mehr nur Schlafzimmer, sondern auch Fitnessstudio, Büro und Esszimmer geworden sind.

Das bringt auch Schwierigkeiten mit sich: Immer mehr Menschen in meinem Umfeld leiden unter der psychischen Belastung, haben Ängste oder sind ohne ihre sozialen Kontakte psychischen Erkrankungen zu Hause noch mehr ausgeliefert.

Von der Politik vergessen? 

Die Frage, wie es Schüler*innen und Studierenden in der Corona-Pandemie geht, hat sich die Politik zu lange Zeit nicht gestellt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Heidelberger Landtagsabgeordnete Theresia Bauer nahmen sich im März 2021, nach einem Jahr Lockdown eine Stunde Zeit, um fünf Studierenden aus Heidelberg die Möglichkeit zu geben, über ihre Lebenssituation zu sprechen.[1]

Im Nachklang des Gespräches äußerte Kretschmann, er habe jetzt doch „ein bisschen ein schlechtes Gewissen.“ Denn die Studierenden hatte er „in der Tat wenig im Blick.“  

Viele Schüler*innen und Studierende kämpfen aktuell im Alltag mit Einsamkeit, Zukunftsängsten und psychischen Erkrankungen im Lockdown. Sie berichten von einem Zusammenbruch der sozialen Strukturen und ausfallenden Lehrveranstaltungen. Praktika fallen aus, die Vorlesungen, Seminare und Tutorien finden in Videogesprächen statt und einige Lehrende laden einfach nur noch die Folien mit dem Lernstoff hoch, der dann bei der nächsten Klausur auswendig gelernt und wiedergegeben werden soll.  

Die Präsenzlehre fehlt! 

Das Gespräch zwischen Kretschmann und den Student*innen aus Heidelberg zog aufgrund eines scheinbar gut gemeinten Rates des Ministerpräsidenten, es gebe für Studierende „keinen Grund depressiv zu werden, wenn sie ihre Situation mit der anderer Menschen vergleichen“ landesweit eine Protestwelle nach sich. Studierende kritisierten: Mit einer solchen Aussage werden psychische Krankheiten verharmlost. Eine wirkliche Entschuldigung seitens Kretschmann und Bauers blieb bislang aus. Die Opposition zeigt sich sprachlos über die Empathielosigkeit der Aussage. 

Unzählige Studierende haben durch die Pandemie ihren Nebenjob verloren und mussten wieder zu ihren Eltern ziehen. Diejenigen, die mit dem ersten Lockdown ein Studium oder eine Ausbildung begonnen haben, kennen weder ihre Kommiliton*innen noch die Präsenzlehre. Besonders schwer ist es für Studierende, die für ihr Studium extra in eine neue Stadt gezogen sind und durch den Lockdown seit einem Jahr keinen wirklichen sozialen Anschluss finden können.  

Wie geht es Studierenden mit dem Online-Unterricht? 

Ich wollte mehr über die Situation von Studierenden herausfinden und habe deswegen 30 junge Menschen im Alter zwischen 14 und 30 Jahren befragt. Einige gehen noch zur Schule, die meisten Befragten studieren oder machen eine Ausbildung. Die Antworten auf meine Frage „Wie geht es dir mit dem Online-Unterricht?“ zeigen: Den meisten Schüler*innen, Auszubildenden und Studierenden fällt es sehr schwer, sich allein zu Hause zu konzentrieren. Ronny[2], eine Architekturstudentin aus Stuttgart berichtet: „Mir geht es mäßig gut. Aber man tut sich ja auch schwer damit sich zu beschweren, es gibt andere die noch mehr Verlierer*innen der Krise sind. […] Ich fühle mich psychisch stark belastet durch das Online-Studium und kenne viele, denen es ähnlich geht.“

Mehrere Schüler*innen berichten, dass Lehrende vom Homeschooling völlig überfordert seien und kaum etwas von sich hören lassen. Andere dagegen seien viel hilfsbereiter und würden öfters fragen, wie es den Menschen geht. Doch in einem Punkt sind sich alle Befragten einig: Die Präsenzlehre fehlt. Es sind die kleinen Gespräche vor und nach der Vorlesung, das Gemeinschaftsgefühl, die Diskussionen und das persönliche Feedback von Lehrpersonen, welche das Studieren, die Schule oder die Ausbildung lebendig machen.

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„Bildung ist ein Grundrecht und sollte für alle zugänglich gestaltet werden.“ – Maya

Für eine persönliche Perspektive auf die Online-Lehre habe ich mit Maya gesprochen: Sie studiert Soziale Arbeit in Berlin, lebt dort in einer funktionalen WG und versucht ihre aktivistischen Werte und Ideale freier Bildung im Studium nicht zu verlieren.

Charlotte von Bonin: Wie geht es dir im Lockdown?  

Maya: Momentan ganz gut! Ich wohne aber auch für kurze Zeit nicht in meinem eigentlichen Zuhause in Berlin, sondern im Schwarzwald, in der Wohnung von Freunden, die gerade verreist sind. Hier bin ich in der Natur und in einer kleinen Gemeinschaft, dadurch merke ich momentan vom Lockdown gar nicht so viel.  

Charlotte: Wie verbringst du deinen Alltag?  

Maya: Während des Semesters: aufstehen, wenn Zeit ist: irgendetwas Schönes machen (Meditieren, Yoga, …), an den Laptop setzen, Uni, spazieren gehen, Uni, Chips essen, Uni, Mittag essen, wieder Laptop, Feierabend.  

An Tagen, an denen ich nicht so viele Kurse haben mache ich abends manchmal noch etwas mit meinen Mitbewohnerinnen oder Freund*innen. Wenn ich viel für die Uni zu tun habe, bin ich danach aber meistens so erschöpft, dass ich nicht mehr so richtig sozial fähig bin und stattdessen tanze.  

Mein Rhythmus in Berlin ist der Online-Lehre sehr angepasst. Einmal die Woche arbeite ich aber praktisch in einer Jugendhilfe Einrichtung, das tut als Ausgleich zu der ganzen Arbeit am Laptop dann sehr gut. Ich habe immer den Eindruck, wirklich lerne ich am Tun.  

Charlotte: Was fehlt dir im Hinblick auf dein Studieren am meisten? 

Maya: Der Austausch! Eindeutig! 

Ich studiere Soziale Arbeit und an die Fragen, die mich wirklich in der Tiefe bewegen komme ich mit Online-Lehre kaum dran. Dazu kommt, dass ich meine kaum Kommiliton*innen kenne, da ich vor genau einem Jahr begonnen habe zu studieren: im tiefsten Lockdown. Durch Gruppenarbeiten habe ich zwar einige persönlich kennengelernt, aber das sich-regelmäßig-in-der-Uni-sehen fällt eben weg. Und damit auch die Zwischenräume, zwischen den Seminaren, in denen diskutiert, hinterfragt und einfach lebhaft miteinander geredet werden kann. Ich habe den Eindruck, durch die Online-Lehre konsumiere ich mein Studium mehr, als dass ich es aktiv mitgestalten kann und so richtig in der Tiefe… eben studiere. Außerdem würde ich langsam wirklich gerne die Hinterköpfe meiner Kommiliton*innen kennenlernen. (lacht) 

„Ich habe den Eindruck, durch die Online-Lehre konsumiere ich mein Studium mehr, als dass ich es aktiv mitgestalten kann und so richtig in der Tiefe… eben studiere.“ – Maya

Charlotte: Was sollte das Bildungssystem aus der Pandemie lernen? 

Maya: Onlineunterricht ersetzt niemals Präsenzunterricht! 

Bildung ist ein Grundrecht und sollte für alle zugänglich gestaltet werden. Ich habe den Eindruck, dass viele Studierende oder auch Schüler*innen quasi „verloren“ wurden – bzw. durch erschwerte Bedingungen nicht so gut mitkommen. Die Uni wirkt auf mich so noch elitärer und das ist unfair. Ich hoffe, dass nach der Pandemie die Umstellung auf das Digitale höchstens als Zusatz und Erleichterung gilt, niemals als Ersatz. 

Charlotte: Was hast du aus der Krise gelernt? 

Maya: Mein Mikro in meinem Laptop zu finden und Jitsi-Meetings zu erstellen. Dass ich nach 3 Seminaren am Tag wirklich nicht mehr kann und es mir hilft, danach körperlich aktiv zu werden: prügeln, tanzen, Rollschuhe fahren oder so. Und, dass für mich Kontakt mit Menschen wirklich ein unheimlich wichtiges Grundbedürfnis ist, was ich sonst immer als sehr selbstverständlich nebenher erfüllt habe. 

„Ich hoffe, dass nach der Pandemie die Umstellung auf das Digitale höchstens als Zusatz und Erleichterung gilt, niemals als Ersatz.“ – Maya
Foto von Maya, die uns ein Interview zu Bildung in Krisenzeiten gegeben hat.
Alle Bilder: Privat, Maya.

Charlotte: In welchem Verhältnis steht das Online-Studium zu deinen Bildungsidealen? 

Maya: In keinem. Online-Lehre ist die Form des Studierens, die für mich am weitesten von meinen Idealen einer freien Bildungslandschaft entfernt ist. Sie verstärkt Soziale Ungleichheiten, fördert lediglich „sachlich“, verkopftes und theoretisches Denken und keinerlei emotionale Kompetenzen, die für mich ein wichtiger Schritt zu einer Bildung der Zukunft sind. 

Charlotte: Was sind deine Tipps für gutes Lernen im Lockdown? 

Maya: Pausen! Und Süßigkeiten. Oder Chips. Bei mir hilft das „mich-belohnen“ Gefühl zumindest ein bisschen, in dem grauen, tristen Online-Uni-Alltag. Und: sucht euch Mitstreiter*innen! Auch wenn es nur 2 Menschen sind, mit denen ihr euch regelmäßig darüber austauscht, wie es euch geht – it’s worth it. Vereinsamt nicht. Eure emotionalen Bedürfnisse sind auch wichtig und wertvoll. Und habt Mut, die Regelstudienzeit zu sprengen und einfach weniger Seminare zu wählen. Fragt nach, wenn ihr etwas nicht versteht – wenn nicht im Kurs dann zumindest in den Telegramgruppen etc. und wenn ihr es könnt: seid mutig und laut und wenn euch etwas nicht gefällt, äußert auch Kritik an den Seminaren! Auch die Dozierenden sind Lernende – und das nicht nur im Online Kontext.


So wie Maya geht es vielen Schüler*innen und Studierenden. Das Leben scheint in einer Warteschleife zu hängen. Dennoch gibt es viele Dinge, die wir aus dem Lockdown gelernt haben, Gedanken, die wir mitnehmen können.

Was haben wir bezogen auf Bildung in Krisenzeiten gelernt? 

Die Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Interaktion unter Schüler*innen und Studierenden ist groß. Plötzlich lernen viele Menschen ihre Bedürfnisse nach Gemeinschaft in neuer Intensität kennen. Lehrende, Studierende, Schüler*innen und Auszubildende bemerken, wie wichtig die soziale Komponente in Bildungsräumen ist.  

Ronny aus Stuttgart erzählt, durch die Zeit im Lockdown könne sie die Präsenz-Lehre viel mehr wertschätzen. Außerdem erklärt sie: „Ich habe Lust mich dann mehr zu engagieren, Projekte zu starten, sowohl auf die Uni bezogen aber auch darüber hinaus. Solche positive kreative Energie hochzuhalten während der Pandemie ist verdammt schwierig.“ 

Die Motivation, neue Projekte zu starten oder in einer politischen Gruppe aktiv zu werden, bekommen auch die Aktivist*innen in den Fridays for Future Ortsgruppen zu spüren: „Seit der Corona-Pandemie kommen sehr viele motivierte Menschen zu uns“ berichtet Aaron[3], ein Klimagerechtigkeitsaktivist aus Stuttgart. Viele der befragten Schüler*innen erzählen, sie seien offener gegenüber Dingen, und hätten gelernt, selbstständiger ihren Alltag und ihre Bildung zu gestalten. Über die Frage, ob studieren nach Corona nur noch in Präsenz stattfinden sollte, herrscht Uneinigkeit: Die Freiheit von überall zu studieren und die Zeit ganz frei einteilen zu können wollen die meisten ungern aufgeben.  

Doch die soziale Interaktion in den Pausen, eine Bibliothek zum Lernen und der persönliche Austausch dürfen beim Lernen nicht fehlen!  

Und jetzt bist du an der Reihe 

Wie hast du die Zeit im Lockdown erlebt? Hast du auch neue Prioritäten für dein Leben gefunden oder soziale Interaktionen vermisst? 

Welche Perspektiven siehst DU für die Bildung der Zukunft? 

Schreib gerne deine Gedanken dazu in die Kommentare! Gerade jetzt ist es wichtig gemeinsam darüber zu sprechen, wie wir unsere Zukunft nach der Pandemie formen und gestalten!

Fußnoten
[1] Quelle: Artikel in der Rhein-Nekar-Zeitung
[2] Name wurde verändert.
[3] Name wurde verändert.

7 Gedanken über “Bildung in Krisenzeiten

  1. Kilian

    Ich stimme zu, dass Pandemiezeiten schwierig sind, aber ich muss gestehen, dass ich glücklich war, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber es fing gerade erst an. Mit der Zeit wurde es immer schwieriger, die ganze Zeit zu Hause zu bleiben. Meine jüngere Schwester litt am meisten. Sie liebt es, Zeit draußen mit ihren Freunden zu verbringen. Es ist sehr schwierig für sie. Wir leben in einer kleinen Wohnung für vier Personen und ich verstehe, dass mangelnde Privatsphäre ein großes Problem ist.
    Ich habe erst nach meinem Abschluss angefangen zu arbeiten. Verbringen Sie eine Woche im Büro des Unternehmens im Business Center Graz und zu Hause. Mein Problem war, dass ich nur lernen musste, um richtig arbeiten zu können, dass ich etwas über Zoom lernen musste. Und es ist wirklich schwierig. So verstehe ich die Verwirrung meiner Schwester, die online studiert. Aber ich glaube immer noch, dass bald alles besser wird.

  2. A.Stoll

    Danke für diesen guten und wichtigen Artikel!
    Bedürfnisse junger Menschen werden „geopfert & verdrängt“ – obwohl die Zukunft von ihnen abhängt!
    Ich bin alt, in einem fernen, glücklichen coronafreien Land aber täglich denke ich an meine eigene Jugend in einem ganz anderen Europa und wundere mich wie ich damals (oder auch heute) so eine Zeit selbst verkraftet hätte..
    Sehr schwierig – das ist mir klar!
    Es wird wieder besser – bleibt positiv!
    Vergesst nicht Euch von den schönen kleinen Dingen im Leben inspirieren zu lassen.
    Es gibt Auswege.
    Es ist unendlich viel zu lernen, zu erforschen und zu verbessern in unserer Zeit – vor allem ausserhalb von Corona!
    Frei und unabhängig zu denken ist etwas vom Wichtigsten und Wertvollsten!
    Die Natur ist in ernster Not, auf fast jedem Fleck Land, Meer und in der Luft stimmt etwas nicht mehr.
    Eine gigantisch-schwierige Aufgabe der nächsten Generationen die, mehr denn je dafür emotionell gesund- und wissenschaftlich-kulturell gebildet und politisch ausgewogen sein müssen.
    Corona wird vorbei gehen und Leute wie Ihr hier seid die Hoffnung!
    Ein kleiner Gruss mit grosser Anteilnahme,
    Andreas

  3. Elke Otto

    Liebe Charlotte,
    nun möchte ich doch mal einen deiner Artikel zur Bildung kommentieren: Schon früher hast du etwas geschrieben über das selbstbestimmte Studieren, was mich sehr fasziniert hat.
    Ich möchte ein bisschen ausholen und etwas über mich erzählen: Ich bin 53 Jahre alt und unterrichte freiberuflich an einer Berufsschule und an einer Pädagogischen Hochschule. Meine eigene Ausbildung ist ein FH-Ingenieur-Studium. Von damals habe ich immer noch den Spruch in den Ohren: „Studieren heißt selber machen!“ Mehr pädagogische Bildung, als meine eigenen Erfahrungen als Schülerin und Studentin hatte ich nicht, bis ich von 2018 – 2020 an meiner Berufsschule eine „Pädagogische Nachqualifizierung für Quereinsteiger“ machen konnte. Das war sehr interessant und hat mir viele neue Perspektiven eröffnet, aber auch gezeigt, wie weit die Pädagogische Lehre von der Unterrichtspraxis entfernt ist: Junge Lehrer erhalten zwangsläufig einen Praxis-Schock wenn sie ins Referendariat kommen… Passenderweise fiel ein Teil dieser Nachqualifizierung in die Corona-Zeit, was nochmal zu einer Neubewertung des Lehrens und Lernens geführt hat. Ich sehe die Online-Lehre kritisch, muss aber sagen, dass auch die Präsenz-Lehre einer kritischen Prüfung oft nicht stand hält – denn wenn man unausgeschlafen in einer Vorlesung sitzt (der Name „Vorlesung“ sagt ja eigentlich schon alles…) und sich da berieseln lässt, ist das kein bisschen besser als irgendein Script oder Powerpoint am Computer zu lesen. Beides ist passives Konsumieren.
    Was meine Reflektion über Lehren außerdem sehr bereichert, sind meine Kinder: Mein ältester Sohn, 22, studiert Informatik, ist ein klassischer Nerd und findet das Online-Studieren genial. Er hat auf diese Weise jetzt seinen Bachelor abgelegt (mit Bestnote). Als Mutter sehe ich aber auch das andere: er hat quasi keine „echten“ sozialen Kontakte, tauscht sich zwar schon rege mit den Kommilitonen aus, aber eben nur digital. Und eine Freundin wird er so auch nie finden ;-) Meine ältere Tochter hat 2020 Corona-Abi gemacht und „hängt jetzt rum“ – möchte eigentlich Hebamme werden, hat das wegen Corona aber noch nicht hingekriegt, hat ihren Übergangs-Job im Café verloren und jobt jetzt aus lauter Verzweiflung bei der Post. Meine jüngere Tochter macht jetzt Corona-Abi und möchte dann ans Theater – haha! Dadurch dass sie in der Oberstufe ist, darf sie ja teilweise in die Schule – ich bin so froh darüber! Aber diese fehlende Zukunftsperspektive – die Unmöglichkeit, Pläne zu machen, sich die Zukunft vorzustellen… das macht die jungen Leute fertig. Und dann kann man sich nicht mal mit Freunden treffen, um sich dabei nicht so ganz „lost“ zu fühlen. In diesem Zusammenhang bin ich sehr dankbar für die sozialen Medien! Trotzdem ist es irgendwie gruselig, die Welt nur noch über Bildschirme wahrzunehmen…
    Ja, was ich eigentlich sagen möchte: Diese Corona-Krise ist auch eine Bildungs-Krise, aus der wir nicht herauskommen (dürfen) mit einem Aufatmen: „Endlich können wir wieder so weiter machen wie vorher!“ Das wird es nicht geben. Wir werden den Studierenden zeigen müssen, warum es sich lohnt, in Präsenz an die Uni zu kommen. Da müssen wir ihnen etwas bieten, was weit über die klassische „Vorlesung“ hinausgeht. Nämlich das selbstbestimmte Studieren. Ich träume davon, dass mich Studierende nach Zusammenhängen fragen, dass sie selbst recherchieren und ihre eigenen Schlüsse ziehen. Das „konstruktivistische“ Lernen wäre mein Ideal. Leider ist es so, dass die Studierenden schauen, welche Veranstaltungen sie belegen müssen, um den Abschluss zu bekommen und versuchen dann alles mit minimalem Aufwand zu absolvieren. Okay, das war jetzt böse ausgedrückt. Natürlich gibt es vieles, was sie wirklich interessiert und berührt, sonst hätten sie das Studium ja nicht gewählt. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ich vieles, was ich damals gezwungenermaßen lernen musste, heute sehr gut brauchen kann und mir teilweise wünsche, ich hätte besser aufgepasst… Ich versuche also, die Studierenden für mein Thema zu gewinnen, dass sie anfangen „selbst zu denken“ – es ist schwierig und ich habe noch niemanden gefunden, der mir ein Patentrezept liefert, wie man das macht! Wie gesagt, ich bin in der glücklichen Lage, meine Kinder befragen zu können, wie die Lehre bei ihnen ankommt, was sie gut finden etc. und bekomme hier ehrliche, ungefilterte Antworten und Hinweise, wie die digitale Lehre sein sollte, damit sie Spaß macht und man etwas dabei lernt. Allein, das dann auf mein Fach und in meiner Situation umzusetzen, ist nicht immer einfach! Ich bin als externe Lehrbeauftragte sehr weit weg von dem ganzen Uni-Betrieb, durchschaue die organisatorischen Abläufe kaum und schon gar nicht die personellen Verflechtungen. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil, denn dadurch bin ich relativ frei. Ich stelle fest, dass meine Kollegen/Vorgesetzten an der Hochschule sehr distanziert sind zu den Studierenden – ich würde mir eher wünschen, dass das Studieren ein gemeinsamer Prozess ist, denn der Lehrende ist ja oft auch in der Forschung tätig (also auch ein Lernender). Hier wäre ein Aufbrechen der Hierarchien aus meiner Sicht sehr wünschenswert. In Ihrem Studiengang scheint das ja einigermaßen gelungen zu sein – freut mich sehr!
    So viel zum Thema Bildung.
    Was ich mit der „Philosophin“ auch gerne ansprechen würde, ist ein anderer Aspekt der Corona-Krise: Der Umgang mit dem Tod. Oder ist dieses Thema derart tabuisiert, dass es selbst in einem Philosophie-Studium „totgeschwiegen“ wird? Zu Beginn der Krise, habe ich darauf gewartet, dass die Kirchen in diesem Sinne Stellung nehmen. Dass sie sagen: Ja, unser Leben wird mit dem Tod enden – es gibt jetzt eine konkrete Bedrohung, die dazu führen könnte, dass viele deutlich früher und auch „unangenehmer“ sterben, als sie es sich gewünscht hätten, aber irgendeinen Weg wird der Tod sowieso irgendwann finden! Deshalb: lasst uns bewusst machen, dass wir sterben werden und lasst uns deshalb bewusster mit unserem Leben umgehen! Denkt über das Leben nach, was wollt ihr damit machen? Denn es wird ein Ende haben! Leider hat niemand davon gesprochen – man hat viel von Solidarität geredet und davon dass wir uns schützen müssen und man hat die Angst weiter geschürt…

    Man hat versucht, den Tod zu vermeiden, indem man das Leben vermeidet!

    Ich war tatsächlich sehr enttäuscht von den Kirchen/Religionen/Philosophen… den Menschen, die sich von Berufs wegen mit den Fragen nach Leben und Tod beschäftigen müssten. Ich will damit in keiner Weise behaupten, Corona wäre ungefährlich und auch keiner „Todessehnsucht“ das Wort reden. Selbstverständlich ist es unser Bedürfnis, den Tod zu vermeiden und so lange zu leben wie möglich! Nur das WIE fehlt mir. WIE wollen wir leben? Ja, natürlich auch solidarisch – ich möchte meiner alten Mutter nicht „den Tod bringen“, deshalb besuche ich sie nicht mehr… Ist das wirklich die Lösung? Meine Mutter ist im Pflegeheim, war sogar corona-positiv mit nur ganz leichten Symptomen und wir durften nicht hin – sie war in ihrem Zimmer isoliert, hatte nicht mal Kontakt zu den anderen Bewohnern. Ich denke mal, es gibt einen Unterschied zwischen einem Arzt im Krankenhaus, dessen Aufgabe es ist, das Leben zu erhalten/zu verlängern und dem Pfleger im Pflegeheim, dessen Aufgabe es ist, das Leben, das noch übrig bleibt, so schön und angenehmt wie möglich zu gestalten. Viele Alte würden sagen: Ich will nicht ein halbes Jahr länger leben, wenn ich dieses halbe Jahr in Einzelhaft verbringen muss! Also wäre es aus meiner Sicht viel menschlicher gewesen, das Risiko einer Ansteckung auf mich zu nehmen und dadurch einem anderen Menschen ein schöneres Leben zu ermöglichen.
    Und um doch nochmal auf die Bildung zurück zu kommen: Die Kontaktbeschränkungen gerade für Kinder und Jugendliche sind große Grausamkeiten! Auch die Belastungen für die Eltern werden nicht korrekt gewichtet im Vergleich zu der Gefahr, die von dem Corona-Virus tatsächlich ausgeht (man schaut viel zu selten auf die Zahlen, die zeigen, wie viele Menschen positiv getestet aber symptomfrei sind).

    Ich wünsche Ihnen weiterhin erfolgreiches philosophieren und offene Augen für das WIchtige im Leben.
    Viele Grüße
    Elke

    1. Charlotte von Bonin

      Hallo Elke,
      Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Was du über deine Kinder erzählst, kann ich nur aus meinem eigenen Umfeld und meiner Familie sagen, dass ich ähnliche Dinge beobachte: Einige, die gut klarkommen mit der digitalen Kommunikation, einige, die orientierungslos sind und einige, die sehr darunter leiden. Und alle müssen ihren eigenen Weg finden in dieser Welt. Das darf auch mal länger dauern und holprig sein – ich versuche das zumindest für mich gerade erst mal zu akzeptieren und die Zeit für Lesen, Lernen und Prioritäten setzen zu nutzen.

      Der Umgang mit dem Tod ist in unserer Gesellschaft ein vermeidender. Das ist mir aufgefallen. Im Studiengang haben wir darüber diskutiert, dass Philosophie „sterben lernen“ heißt. Wenn das so einfach wäre!
      Ich denke, dass sich für viele Menschen die Frage „WIE will ich leben?“ durch die Reflexionszeit in der Pandemie noch einmal auf eine neue Weise stellt. Und das ist wichtig. Denn so können Veränderungen passieren.
      Für die Frage, wie es für Kinder und Jugendliche weitergehen kann in der Pandemie habe ich keine Lösung. Ich sehe nur, dass die oft nicht mitgedacht werden bei den politischen Entscheidungen.

      Ich wünsche dir und deiner Familie ein gutes „Durch-die-Pandemie-kommen“.
      Charlotte

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