Sei unverschämt – warum wir unverschämt leben sollten

Über Zyklus, Leistungszwang, Kapitalismus, Patriachat und warum gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften sinnvoll ist

Von Tobi Rosswog
27. März 2021

Lola Franke durfte ich auf dem ersten utopival 2014 in Wiesbaden kennen lernen. Welch eine fantastische Freude, dass wir seitdem verbunden sein dürfen. Sie lebt gemeinsam mit anderen spannenden Menschen im Projekt- und Gemeinschaftshaus Spinnerei und macht dort großartige Projekte, wie Zyklusworkshops und die Jahreskreisreise im CSX Format. Wer solidarische Landwirtschaft (aus dem Englischen CSA = Community Supported Agriculture) kennt, wird CSX (Community Supported Everything) lieben. Legen wir also direkt los!

Tobi Rosswog: Huhu Lola, wie wunderbar, dass Du Dir Zeit fürs Interview nimmst. Stell Dich bitte kurz vor.

Lola Franke: Hallo ich heiße Lola, bin 25 Jahre alt und meine Hobbys sind Zyklen. So ungefähr meinst du?

Portrait von Lola Franke, Zyklusberaterin und Sterbe- und Geburtsbegleiterin

Nein ich fange nochmal an. Mittlerweile arbeite ich seit 3 Jahren als freie Zyklusberaterin und Sterbe- und Geburtsbegleiterin.

Lange Zeit hätte ich so eine Arbeit als Zyklusberaterin für mehr als überflüssig gehalten: „Wer Probleme hat, soll einfach zum Arzt gehen“, hätte ich wahrscheinlich gesagt. Warum sollten wir unsere Zyklen begreifen, wenn wir doch einfach die Pille nehmen und dadurch unsere Menstruation „in den Griff“ kriegen können. Mittlerweile sehe ich die Sache ein bisschen anders. Wir lernen in dieser Gesellschaft von klein auf, dass Zyklen hier keinen Platz haben. Wer nicht 100% gibt in der Schule, auf der Arbeit und häufig auch im sozialen Bereich, wird sanktioniert. Das drückt sich dann durch schlechte Noten, keine Aussichten auf Beförderungen, oder enttäuschte Freund*innen aus. Wir müssen leistungsfähig bleiben um mithalten zu können.

Zum Glück leben wir aber in einem Körper der zu 100% zyklisch funktioniert und diese Leistungslogik nur bis zu einem gewissen Grad aushält. Zellen sterben und erneuern sich, wir brauchen Schlaf, Nahrung, Erholung, manche von uns bluten einmal im Monat, manche kriegen Winterdepressionen, ab und zu mal eine Grippe und irgendwann vielleicht Kinder.

„So ein Leben als menschliches Säugetier verläuft alles andere als linear, aber die kapitalistische Leistungslogik, die uns umgibt, treibt uns dazu an mit dem Kreishaften in uns zu brechen.“ – Lola Franke, Zyklusberaterin

Tobi Rosswog: Das stimmt. Das Leben als Mensch ist schon echt unpraktisch, um im beschleunigten Takt der Gesellschaft mitzuhalten. Schlafen, trinken, essen und vieles mehr sind unglaublich unpraktisch und unproduktive Zeitverschwendungen. Vielleicht wäre ja den Kapitalismus zu verschlafen eine gute Idee … Aber wann ging das bei Dir los?

Lola Franke: Meine Reise zu meinem eigenen Zyklus begann 2014, als ich mit damals 19 Jahren meine erste Panikattacke hatte und entschied, dass Linearität für mich nicht mehr funktioniert. Ich lernte viel über die Zusammenhänge von Körper und Emotionen, begann mit, statt gegen meinen Körper zu verhüten, lernte mich selbst genau zu beobachten, mich auszutauschen mit anderen, denen es genauso ging wie mir.

2016 gab ich schließlich erste Zyklusworkshops in denen ich auch die Zusammenhänge zwischen dem Bruch mit unserer zyklischen Natur und unserem Wirtschaftssystem genau beleuchtete. Mit den Jahren kamen die Themen Tod und Geburt in mein Repertoire hinzu. Ich begann in einem Hospiz in Halle zu arbeiten und ließ mich zur freien Geburtsbegleiterin in Spanien ausbilden.

Tobi Rosswog: Was ist die Idee hinter Deiner Jahreskreisreise?

Lola Franke: Die Jahreskreisreise ist sozusagen eine Weiterentwicklung der Zyklusworkshops. Ich finde es immer traurig, wenn ich nur so kurz mit Menschen in dieses super facettenreiche Thema eintauchen kann und ehrlich gesagt glaube ich, dass Zyklen auch geübt und nicht nur kognitiv verstanden werden müssen. Ich wollte mit der Jahreskreisreise einen ganzen Zyklus durchlaufen, der sowohl meine Teilnehmer*innen durch Themen wie Verhütung, Krankheitsbilder, Schwangerschaft, Konsens, Lust und Tod begleitet, als auch mich selbst für ein Jahr gut versorgen kann.

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Abgesehen von meiner inhaltlichen Begeisterung für all diese Themen rund um Übergänge, wollte ich auch eine neue Art des Zusammenseins schaffen in der ich mich nicht mit meinen Fähigkeiten auf dem sogenannten „freien“ Markt verkaufen muss, sondern eine Solidargemeinschaft kreiere, in der wir auf einander eingehen und für einander sorgen.

Die Idee hinter CSX oder besser: gemeinschaftsbasierten Wirtschaften

Tobi Rosswog: Du möchtest dieses Angebot allen ermöglichen und gestaltest es in der Idee der CSX, des gemeinschaftsbasierten Wirtschaften. Wie genau funktioniert das?

Lola Franke: Gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften beruht auf dem Glauben, dass nur genug für mich da sein kann, wenn auch genug für dich da ist. Genau wie in einer SoLaWi – also einer Solidarischen Landwirtschaft – wird zunächst geschaut, was die*der Anbieter*in braucht, um komplett genährt zu sein. Nur wenn alle finanziellen und sozialen Bedürfnisse des*der Anbieter*in versorgt sind, kann diese*r am Ende das beste Produkt (Gemüse, eine Jahreskreisbegleitung…) zur Verfügung stellen. Statt sich ständig gegenseitig mit günstigen Produkten zu unterbieten, um möglichst viele Konsument*innen abzufangen, wird mit der Konkurrenzlogik gebrochen und stattdessen kooperiert. Für eine kleine SoLaWi ist es ohnehin nicht möglich mit den lohngedumpten Preisen von konventionellem Supermarktgemüse mitzuhalten, das Einzige, was kleinen Graswurzelprojekten da noch übrigbleibt, ist aus der Marktlogik auszusteigen.

In der Praxis sieht das so aus, dass es Bietrunden gibt, in denen die Mitglieder soviel reingeben wie sie in Anpassung auf ihr eigenes Gehalt und Vermögen können, bis das finanzielle Bedürfnis des*r Anbieters*in erfüllt ist. So üben wir Solidarität und bedürfnisorientiertes Handeln im Kleinen.

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Tobi Rosswog: Was ist Deine Vision?

Lola Franke: Für mein konkretes Projekt habe ich die Vision uns wieder wirklich zu spüren. Ich will, dass wir uns trauen die Grenzen unseres Körpers anzuerkennen und sie nicht mehr als eine Schwäche abtun, dass wir somit unsere Zyklen wertschätzen und uns nach ihnen ausrichten, statt sie zu unterdrücken. Ich wünsche mir, dass meine Mitglieder am Ende des Jahres Expert*innen für ihren eigenen Körper sind, ihn respektieren und unterstützen können und dadurch freie, gut informierte Entscheidungen über Verhütung, Gesundheit, Schwangerschaften, Tod und Abtreibungen treffen können. Es ist wirklich mein ganz großes Anliegen, dass uns niemand mehr irgendeinen Scheiß andrehen kann, den wir nicht brauchen und nicht wollen, aber von dem uns erzählt wird er würde uns vervollständigen.

Kapitalismus und Patriarchat funktionieren nur, wenn wir unsere Körper verachten und der Megamaschine anpassen

Warum glaubst Du, dass das wichtig ist?

Weil der Kapitalismus und das Patriarchat überhaupt nur funktionieren können, solange wir unsere Körper verachten und sie einer Megamaschine anpassen wollen, die auf dem Rücken wahrer Bedürfniserfüllung nutzlose Konsumgüter produziert, die uns wiederum davon ablenken, dass wir uns selbst vollkommen fremd geworden sind. Ich glaube, gerade wenn wir uns die Anfänge von Ausbeutung und Unterdrückung anschauen, dann sehen wir, dass diese darauf beruhen eine Hierarchie zwischen dem Rationalen und dem Affekthaften, „Natürlichen“ zu errichten, bei dem die „Natur“ eindeutig den Kürzeren zieht.

Das will ich ändern, weil diese persönliche Krise, in der wir stecken und durch die wir unsere Zyklen, als unproduktiv abwerten müssen, nur die Spitze eines historischen Eisbergs aus Sklaverei, Rassismen, Klimakatastrophen, und Sexismen darstellt.

Tobi Rosswog: Wie sieht das Angebot konkret aus?

Lola Franke: Ich begleite ein Jahr lang 20 Menschen in all den Themen, die am tiefsten in unserer menschlichen Natur verwurzelt sind: Zyklen, Lust, Trauma, Schwangerschaft und Geburt, Sterben und Tod.

Wir erforschen diese Themen in uns selbst und in der Welt, über Körperarbeit und ganz einfach durch Wissensweitergabe. In Videocalls, Präsenztreffen, über eine Cloud und in persönlichen Gesprächen mit mir und dem eigenen Buddy wächst über ein Jahr lang dadurch unser körperliches und kollektives Selbstverständnis immer weiter.

Tobi Rosswog: Wie fühlst Du Dich damit?

Lola Franke: Ich fühle mich klasse! Die Arbeit, die ich gerade machen darf, kommt mir wie eine der sinnvollsten Dinge vor, mit denen ich mich beschäftigen könnte. Ich bin richtig dankbar, dass andere Menschen das auch so sehen und wir den ersten Durchgang der Jahreskreisreise deswegen mit 22 Menschen gestartet haben. Ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr unterschiedliche Aktionsformen braucht, um unser System zu verändern und ich glaube sie alle können nur in selbstermächtigten Menschen heranwachsen.

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Tobi Rosswog: Magst Du noch was teilen?

Lola Franke: Wenn euch meine Arbeit interessiert, schaut gerne auf meiner Webseite Unverschämt leben vorbei und bleibt unverschämt!

Tobi Rosswog: Danke Dir herzlichst, Lola. Es war mir eine feine Freude mit Dir darüber geschnackt haben zu dürfen. Wie wunderbar, dass Du das machst. Habt ihr Fragen an Lola oder Erfahrungen zum Thema – dann ab damit in die Kommentare.

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