Das Experiment Selbstversorgung wird zu NANU

Sebastian Gärtner
Von Sebastian Gärtner
16. April 2020

Michael Voit hat vor 11 Jahren mit Lisa Pfleger das Blog-Projekt “Experiment Selbstversorgung” gestartet. Damals noch unter seinem Geburtsnamen Michael Hartl. Jetzt haben wir hier gemeinsam als Team einen große nächsten Schritt gemacht – von “Experiment Selbstversorgung” zu “NANU – Wandel-Wege finden”, dessen Herausgeber Michael ist.

Ich habe Michael ein paar Fragen gestellt zum Experiment Selbstversorgung, dem Weg hin zu NANU und was das für bestehende und zukünftige Artikel bedeutet.

Sebastian: Lass uns gemeinsam auf 11 Jahre Experiment Selbstversorgung blicken. Welche Veränderungen hast du in dieser Zeit in der Gesellschaft mitbekommen und wie hat das Projekt dich selbst verändert?

Michael: Zu Beginn hat das Projekt ein Interesse getroffen. Viele Medien und viele Menschen haben sich für Themen wir Selbstversorgung, „Zurück aufs Land“ und auch Minimalismus interessiert. Aber so wirklich ändern wollte sich niemand – es war mehr eine angenehme Tagträumerei. Vielleicht hab ich damals aber auch den falschen Eindruck bekommen. Heute sehe ich in der Gesellschaft eine ernstere Auseinandersetzung mit Alternativen zum heute üblichen – sichtbar gemacht allen voran durch die Fridays For Future Bewegung.

Diese meine Eindrücke haben mit mir natürlich etwas gemacht. Zunächst hatte ich immer weniger Lust, meine Ideen zu teilen und mein Leben ein Stück weit öffentlich zu machen – denn als reine Tagträumereien-Vorlage wollte ich nicht dienen. Als dann aber aus meiner Sicht der Wandel in der Gesellschaft langsam begann, hat mich das doch wieder extrem motiviert.

Durch das Projekt selbst habe ich zahlreiche wundervolle Begegnungen mit Menschen gehabt, viel über mich und das einfache Leben gelernt und auch Mut und Vertrauen entwickelt.

Sebastian: Was hast du am Anfang des Projekts unterschätzt, das sich als viel schwieriger, teurer oder langwieriger herausgestellt hat? Sowohl bezogen auf das Verfassen des Blogs als auch auf die Selbstversorgung?

Michael: Bezogen auf den Blog habe ich unterschätzt, wie viel Zeit es kostet. Wenn zum Beispiel viele Kommentare und Emails kommen. Wir hatten Zeiten, da waren das 20 bis 30 am Tag – und wenn Du die konzentriert lesen und ernsthaft beantworten willst, sind schnell 2 Stunden rum. Auch wenn man einen hohen Anspruch an die Artikel hat, daher mehrfach überarbeitet und Bilder gut fotografiert, bearbeitet und auswählt, Vorschaubilder gestaltet und so weiter, dann ist ein Artikel nicht schnell in 45 Minuten fertig. Das zieht sich für manche Artikel über viele Stunden.

Bezogen auf die Selbstversorgung hab ich anfangs sicher unterschätzt, wie wertvoll mehrjährige Pflanzen, Gehölze und Bäume sind. Von Jahr zu Jahr mehr Ertrag mit immer weniger Aufwand. Einfach genial.

Sebastian: Ich weiß, dass du immer wieder von Menschen angesprochen wirst, die durch den Blog zu Veränderungen in ihrem Leben angeregt wurden. Hast du eine Lieblingsgeschichte?

Michael: Eine einzelne Geschichte weiß ich gar nicht, ob ich herausheben könnte. Aber es gab immer wieder Menschen, die nach dem Lesen vieler Artikel und einer Teilnahme an einer Veranstaltung bei uns ihr ganzes Leben umgekrempelt haben: Job gekündigt, sich neu ausgerichtet, an sich selbst glauben.

Für mich ist es einfach jedes Mal eine wunderbare Freude, wenn ich mitbekommen darf, dass gute Ideen und positive Projekte motivierend, inspirierend und ansteckend sind. Und wenn ich ab und an meinen Beitrag leisten darf, dass dies passiert, bin ich froh und dankbar.

NANU darf gerne schön, widerständig und wohltuend sein

Sebastian: Was ist dein ganz persönliches Highlight im Zusammenhang mit dem Experiment Selbstversorgung?

Michael: Mein Highlight ist sicher, dass vor einigen Jahren über den Blog Antonia zum Mithelfen auf den Hof kam. Sie verzauberte mich und blieb dann noch eine Weile. Und dann noch eine Weile. Und dann noch eine Weile. Heute sind wir verheiratet und eine kleine, mir kraft- und hoffnungsschenkende Familie.

Sebastian: Vieles wird sich beim neuen Projekt verändern – aber die Distel wird die beiden Projekte miteinander verbinden. Wofür steht die Distel für dich und welche ihrer Qualitäten wünscht du dir auch für NANU?

Michael: Die Distel – besonders die Mariendistel – ist für mich eine der schönsten Pflanzen. Die Blüte ist wundervoll ansprechend. Ihre Samen fliegen weit und helfen, brachliegende, kahle Flächen wieder zu bewachsen. Ich hab gelesen, die Mariendistel sei sowohl eine der stärksten Heilpflanzen fürs Herz als auch bei zu hoher Dosierung eine sehr giftige Pflanze. Ihre Blätter sind schön, aber auch wehrhaft. Und so leicht wird man sie nicht los.

NANU darf gerne so schön, so widerständig und so wohltuend sein. Und die Ideen, über die wir auf NANU schreiben, sich gerne genauso gut verbreiten wie die Samen der Distel.

Es bleibt, was gut funktioniert hat und wird verbessert, was noch nicht so toll war

Sebastian: Wie ist es zu dem Schritt gekommen, dass sich das Projekt jetzt wandelt – und was wird sich alles verändern? Was passiert mit all den Blogeinträgen?

Michael: Naja, als wir damals begonnen haben, entwickelte sich das Ganze recht schnell zu einem „etwas größeren“ Blogprojekt mit monatlichen Seitenaufrufen im sechsstelligen Bereich und mehr als 70.000 Personen, die sich mit der dazugehörigen Facebook-Seite vernetzt hatten. Dazu kamen sehr viel Zustimmung und Motivation über Kommentare und Emails. Wir hatten es wohl geschafft, viele Menschen durch unsere Erfahrungen und Gedanken zu inspirieren.

Recht schnell haben wir dann über deutlich mehr Themen geschrieben als über „Selbstversorgung“ und über Gastautor*innen mehr Expertise und weitere Inspiration an Bord geholt.

Das Experiment Selbstversorgung wird zu NANU 1

Als dann Ende letzten Jahres in Gesprächen klar wurde, dass es einige Personen gibt, die meine Idee zu dem, was heute NANU heißt, ansprechend finden und mitmachen würden, war es keine Frage mehr, den Namen an das bereits deutlich breitere Spektrum von Themen und Autor*innen anzupassen.

Ändern wird sich am Kern nichts – die DNA hinter dem Projekt bleibt sicher die selbe: Alle daran erinnern, dass es so viele schöne Wege gibt, die Welt zu gestalten. Und die Artikel, die zu Zeiten des Experiment Selbstversorgung entstanden sind, bleiben. Aber klar: Es gibt ein breiteres Themenspektrum, mehr Autor*innen, mehr Wege, mitzuwirken, durch all das mehr Artikel und in Kürze wollen wir auch die Struktur und das Design der Website aufräumen und klarer machen. Also kurz gesagt: Es bleibt, was gut funktioniert hat und wird verbessert, was noch nicht so toll war. Und oben drauf ein tolles Team, das mich die letzten Wochen total motiviert und begeistert hat. Danke Euch allen!


Sebastian: Wie geht es dir damit das “Experiment Selbstversorgung” hinter dir zu lassen?

Michael: Der Name stand ja immer für das Hofprojekt auf der einen Seite und für den Blog auf der anderen.

Was das Hofprojekt angeht, ist da bei mir persönlich erstmal Zwangspause angesagt, nachdem Anfang des Jahres kurzfristig der Platz, an dem ich so lange war, gekündigt wurde. Aber ich sehe das schon auch so: 11 Jahre sind eine lange Zeit und ich bin ja auch als Person nicht mehr genau der, der ich damals war. Die starke Fokussierung auf Selbstversorgung ist bei mir einem wieder breiter gewordenem Aktionismus gewichen. Ich bin wieder deutlich stärker aktiv, Projekte mit anderen Menschen gemeinsam innerhalb der Gesellschaft umzusetzen. Selbstversorgung wurde ein Teil von mir und meinem Lebenswandel. Sicher nicht 100-prozentig – aber in meiner Denke, in meinem Alltag ist das immer auch irgendwie da. Aber eben nicht mehr so zentral.

Und das „Experiment Selbstversorgung“ als Blog verschwindet ja nicht, sondern geht jetzt in etwas größerem, breiterem auf. Und das ist doch Teil der Selbstversorgung: Das Dinge, die man gut gepflegt hat, sich entwickeln und sich verändern.

Mitmachen, unterstützen und dabei bleiben!

Sebastian: Gibt es noch etwas, dass du gerne erzählen würdest?

Michael: Gerne würde ich noch drei Dinge offen ansprechen:

Ein Projekt dieser Größe, das nun regelmäßiger und auch umfassender werden möchte, kostet viel Zeit und auch Geld. Zum Beispiel für Domains, Hosting, bestimmte Dienste und professionelle Plugins. Wir versuchen auf sehr hohem Niveau zu arbeiten. Aktuell tun dies alle Mitwirkenden unbezahlt. Um zunächst alle Kosten zu decken und ein paar weitere professionelle Tools zu finanzieren, können alle Menschen, die das Projekt fördern wollen, dies mit einer monatlichen Zuwendung über den Berliner Anbieter Steady tun. Später wollen wir über diesen Weg auch ermöglichen, dass Mitwirkende, die viel einbringen und es wirtschaftlich brauchen, eine faire Bezahlung bekommen können. Wer das unterstützen mag, kann sich direkt unsere dafür existierende Steady-Seite ansehen, über die eine Hand voll Mitglieder schon seit Jahren einen Teil der Kosten tragen.

Sieh auf der NANU-Seite auf Steady, wie Du uns unterstützen kannst, warum das wichtig ist und was Du dafür bekommst.

Für alle die als Autor*in, Designer*in, Programmierer*in, etc. mitwirken möchten, gibt es einen Aufruf samt Möglichkeiten unter Mitmachen!

Alle Möglichkeiten, um stets auf dem Laufenden zu bleiben und immer mitzubekommen, wenn es Neues von NANU gibt, erklären wir unter Auf dem Laufenden bleiben.

3 Gedanken über “Das Experiment Selbstversorgung wird zu NANU

  1. Egon Hauck

    Hallo Sebastian,

    erst einmal Glückwunsch zum neuen Relaunch und der Anpassung an die thematische Erweiterung. Als Begleiter des Experiments Selbstversorgung war ich zu Anfang mit großem Interesse dabei und natürlich immer gespannt,Selbstversorgungsprojekte auch für Menschen mit wenig Geld attraktiv zu machen. Dabei herausgekommen ist ein Konzept, das ich mittlerweile innerhalb eines gemeinnützigen Vereins weiterentwickle.
    Es geht um ein von mir 2006 zuerst entworfenes low tec-low Budget Ökohaus, ein Gemeinschaftskonzept, das mit relativ großen Freiräumen geeignet sein soll, auch von Kommunen initiiert zu werden und so Menschen die am Hartz 4 Tropf hängen, zu einem eigenständigen und selbstbestimmten Leben zurück zu führen. Grundlage dieses Lebens wäre die Selbstversorgung des „Quartiers“, bzw. des „Weilers“ (Stadt und Land) sowie ein Kleingewerbe, das die Menschen in den Quartieren ausüben, egal ob das Kunst, Kultur, Handwerk oder eine Dienstleistung ist. Das Haus ist so konzipiert, dass es für solch ein Gewerbe geeignete Räume zur Verfügung stellt und den Gartenbau zur Selbstversorgung ganzjährig betreiben lässt.
    Flächenintensive Anbaumethoden sind dabei natürlich weniger opportun,. dafür sind Hügelbeete „Kartoffeltürme“ etc. selbst bei gemeinschaftlicher Produktion bevorzugt. Sozusagen ein 3D Garten, der die Gemeinschaft versorgt. Überschüsse aus Gewerbe und Gartenbau werden in einer Art „Drugstore“ , also in einem Laden in dem es alles gibt zum Kauf angeboten.
    Dieser Laden könnte auch eine Waschsalon beinhalten und in der Folge dazu einen Café betreiben. Der Waschsalon ist für die Gemeinschaftsmitglieder kostenlos, für Auswärtige günstig.
    Diese Gemeinschaften sollten, wie schon heute die wenigen Gemeinschaften und Ökodörfer den gesellschaftlichen Wandel zu einer kooperativen Gesellschaft mitgestalten. Aus meinen Besuchen in Siebenlinden und den Newslettern von und über andere Gemeinschaften glaube ich erkannt zu haben dass die „Gemeinschaftsarbeit“ in die aus gutem Grund sehr viel Zeit investiert wird, dabei ist eine wichtige Grundlage einer kooperativen Gesellschaft herzustellen. Und eine solche Gesellschaft als Gegenentwurf zur Konkurrenzgesellschaft von heute werden wir brauchen wenn wir als Menschheit weiterhin auf diesem Planeten leben wollen. Deshalb finde ich eure Arbeit so wichtig, aber nicht nur die eure, sondern auch die von tz.B. Sepp Holzer, den Hortusgartenmenschen, denen die neue kommunale Strukturen etablieren möchten, so wie nicht zuletzt auch den technikern, die unsere diversen Infrastrukturen ökologischer machen wollen. Ich setze dabei auf angepasste Mittel, etwa zum lokalen und refgionalen Transport auf elektrische Tuktuks, die bereits in China hergestellt werden, allerdings noch optimiert werden könnten. Die Dinger fahren mit voll recyclingfähigen Bleivliesbatterien, gelten als Mopeds (maximale Geschwindigkeit 45 km/h reicht für innerörtlichen Verkehr dicke.) und haben eine für die meisten Kleingewerbe hinreichende Transportkapazität sowie auch die (gesetzlich begrenzte) Möglichkeit des Personentransports.
    Das Haus, die Gemeinschaft und dieses autonom zu betreibende Transportkonzept können einer Gemeinschaft die wirtschaftlichen Mittel, die persönliche Freiheit und den gesellschaftlichen Erfolg geben, den sie zum dauerhaften überleben braucht.
    Soweit die Tagträumerei, die ich seit nunmehr 15 Jahren betreibe und immer noch hoffe irgendwann umsetzen zu können.

  2. Jan

    Hallo Antonia, Hallo Michael, und Hallo alle anderen fleißigen Helfer,

    ich freue mich sehr für euch. Meine herzlichsten Glückwünsche.

    Die „Nische Selbstversorgung“ habt ihr ja schon länger ein bisschen verlassen, wie du selber ja auch sagst. Und wenn ich die Themen-Übersicht sehe, wird mir richtig warm ums Herz.

    Ich wünsche euch weiterhin nur das Beste.
    Viele Liebe Grüße
    Jan

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