Leben ohne Schule

Oder: Was ist eigentlich Bildung? Und welche Rahmenbedingungen braucht sie?

Tobi Rosswog
Von Tobi Rosswog
11. August 2020

Pia hat vor einigen Jahren einen super spannenden und provokanten Artikel unter dem Titel „Schule ist Zeitverschwendung“ geschrieben. Das Thema alternative Bildung und andere Wege des Lernens beschäftigten mich spätestens seit dem Abbruch meines Studiums. In diesem Interview spreche ich mit Joshua, dem Produzenten des Films „CaRabA – ein Leben ohne Schule“. Er gibt Einblicke in eine Welt, die ohne Schule organisiert ist.

Los gehts!

Tobi Rosswog: Stell Dich bitte kurz vor.

Joshua Conens: Seit dem Ende meiner Schulzeit bin ich konsequenter Autodidakt und meide die Institutionen, wo ich nur kann. In verschiedensten Projekten zu Themen wie Berufsorientierung, Arbeit, Geld, Schenken und anderen forsche ich vor allem daran, was die Bestimmung des Menschen ist. Gleichzeitig entwickle und realisiere ich Projekte um dazu beizutragen, dass einzelne Menschen ihrer individuellen Bestimmung näher kommen – auch dadurch, dass ich versuche neue Strukturen zu schaffen, die nicht institutionalisiert, sondern maximal dienend sind.

Portrait des Filmemachers und Bildungsutopisten Joshua Conens
Joshua Conens

Tobi Rosswog: Auf dem MOVE UTOPIA hast Du Deinen neuen Film „CaRabA“ gezeigt. Worum geht es dabei?

Joshua Conens: Was ist denn eigentlich Bildung? Und welche Rahmenbedingungen braucht sie? Mit dem Spielfilm CaRabA zeigen wir fünf Geschichten von jungen Menschen zwischen 8 und 24 Jahren, die in einer Welt leben, in der es keine Schulpflicht gibt. Mit all seinen Höhen und Tiefen wird das Leben selbst zum fortwährenden Bildungserlebnis.

Darum geht es für uns: Was ist eigentlich leben? Das ist der Ausgangspunkt für die Bildungsfrage. Denn aus der Frage nach dem „leben“ ergibt sich ja, ob lesen, schreiben und rechnen die wichtigsten Fähigkeiten sind. Oder vielleicht eher Phantasie, Tatkraft, Mut, Selbstbewusstsein? Oder…? Und daraus ergibt sich dann die Frage der nötigen Rahmenbedingungen.

Dabei geht es uns nicht darum, eine Antwort zu präsentieren. Mit CaRabA wollen wir einladen, gemeinsam, als Gesellschaft, nach Bildern für zukünftige Bildungslandschaften zu suchen.

Plakat des Freilerner Films CaRabA
Plakat des Films CaRabA

Die konkrete Handlung von CaRabA: SASKIA (24) forscht an einem Schlafmittel und ringt um dessen Anerkennung; der entwaffnend-naive NURI (8) begleitet seinen Vater beim Taxifahren und interviewt die Fahrgäste; der verträumte LOVIS (14) spielt Tischtennis im Park, arbeitet an der Zeit und verliebt sich; MAX (15) malt Waschmaschinen beim Schleudern und entdeckt Gott in Dürer (oder umgekehrt); während bei der erst ziellosen JANNE (15) das Schicksal zum temporären Auszug von zuhause und zur Feldforschung über Familie führt. CaRabA erzählt von Vertrauen – in sich selbst und in die Menschen um einen herum.

Tobi Rosswog: Warum hast Du CaRabA gedreht? Was möchtest Du damit erreichen?

Joshua Conens: Für mich ist das interessante am Film, dass er etwas darstellen kann, was noch nicht ist – und zwar recht realistisch. Mit CaRabA versuchen wir das bezogen auf die Bildung.

Es ist doch interessant, dass es uns Menschen so leichtfällt, etwas zu kritisieren und so schwerfällt, etwas neues, anderes, besseres zu visionieren. Aber genau das braucht es ja. Seit vielen Jahren begleitet mich intensiv ein Zitat von Wilhelm Barkhoff, dem Gründer der GLS Bank:

„Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, überwinden wir nur durch Bilder einer Zukunft, die wir wollen.“ – Wilhelm Barkhoff

Mit CaRabA versuchen wir genau das: Anzuregen, gemeinsam „Bilder einer Zukunft die wir wollen“ zu entwickeln. Ausgehend von einem zweiten Zitat – und dann höre ich auch auf mit dem Zitieren – von Richard Buckminster Fuller (kleiner Seitenarm: Er war ja auch beteiligt am „Black Mountain College“, einem sehr spannenden, zukünftigen Bildungsort). Das Zitat:

„You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.“ – Richard Buckminster Fuller

Entschulung der Gesellschaft

Mit 16 oder 17 begann meine intensive Auseinandersetzung mit der Bildungsfrage. Schon damals las ich von Ivan Illich „Entschulung der Gesellschaft“. Und schon damals faszinierte mich seine Institutionskritik und vor allem aber, wie lebensnah er beschreibt, wie es anders gehen könnte. Durch den Philosophen Bertrand Stern, der Illichs Gedanken weiter trägt und bewegt, kam das dann wieder in meine Leben, weil Bertrand den Grundstein legte für CaRabA. Die Institutionalisierung des Lebens – besonders bei der Bildung junger Menschen wird sie so deutlich – ist eines meiner Lebensthemen, weil sie mir eines der größten Verhinderungsinstrumente des Lebens scheint. Und da heraus die Frage, wie wir Gemeinschaften, Rahmenbedingungen, Infrastrukturen schaffen, in denen sich der Einzelne nicht der Gemeinschaft unterordnen muss. Das Individuum ist die heiligste Instanz. Können wir da heraus zusammen kommen?

Also dafür einen gesellschaftlichen Raum für Grundsatzdiskussionen zu schaffen ist mein Anliegen mit CaRabA. Das heißt konkret: Können wir noch mal versuchen uns darauf zu besinnen, was Bildung eigentlich ist?

Tobi Rosswog: Wie sind die Reaktionen des Publikums?

Joshua Conens: Sehr faszinierend finde ich, dass die Reaktionen von Anfang an sehr widersprüchlich sind. Schon mit dem Drehbuch ging es mir so, dass es Menschen gab, die es als total idealisierte Utopie wahrnahmen und solche, die es als deprimierende Dystopie erlebten. Das setzte sich auch bei den Veranstaltungen fort. Oftmals sogar in ein und derselben Diskussion: gegensätzliche Wahrnehmungen desselben Films. Das gab immer spannende Gespräche. Wie ich es für mich verstehe: CaRabA ist sehr freilassend. Das heißt, es kommt auf deinen eigenen Blick an. Der wird an CaRabA gespiegelt: glaubst du, die jungen Menschen kommen mit mehr Freiheit nicht klar, dann findest du CaRabA womöglich idealistisch. Glaubst du, mit mehr Freiheit wird alles super und alle Menschen sind glücklich, dann findest du CaRabA womöglich dystopisch. Denn, CaRabA ist genau dazwischen.

Von Anfang an war das eine intensiv bewegte Frage, zum Beispiel mit Andreas Laudert, dem Drehbuchautor, oder auch Katharina Mihm, der Regisseurin, dass es ja nicht darum gehen kann, mit CaRabA eine Welt darzustellen, in der alle Menschen lachend herumlaufen und beschwerdelos glücklich sind. Das ist für uns keine Vision. Auch in einer Welt ohne Schulen – vielleicht auch gerade da – gibt es Herausforderungen, Probleme, Konflikte. Der Unterschied ist die Selbstbestimmung, die Freiheit, die Menschenwürde, die Achtung vor der*dem Andere*n und die Authentizität, die das mit sich bringt. Unser Ziel war es, in CaRabA junge Menschen zu zeigen, die bei sich sind, die ernst- und wahrgenommen werden, die eben authentisch sind.

Kritik kommt eher von Menschen, die sich fürs Freilernen begeistern

Überraschend finde ich darüber hinaus, dass die Rückmeldungen doch alles in allem recht wohlwollend sind. Ich habe viel Dankbarkeit für die Gedankenanstöße erlebt. In meiner Wahrnehmung vor allem dadurch, dass wir ja niemanden von etwas überzeugen wollen, sondern Fragen stellen, neue Perspektiven eröffnen wollen und das Gespräch suchen.

Nichtsdestotrotz hätte es mich auch nicht gewundert, wenn wir mehr Gegenwind bekommen hätten von Menschen, die das sehr abwegig finden. Tatsächlich erlebe ich aber den größten Gegenwind von Menschen, die mit dem Thema sehr vertraut sind und sich eher eine Art „Werbefilm“ für das Freilernen gewünscht hätten und dann enttäuscht sind. Wenn ich allerdings unabhängig von CaRabA Gespräche führe in denen ich auch offensiver als bei CaRabA Veranstaltungen meine persönliche Haltung zu Schule verdeutliche, erlebe ich schon überwiegend Unverständnis. Schule kritisieren ist ok. Weil besser muss sie werden. Aber ganz ohne, das geht entschieden zu weit – so erlebe ich die Haltung oft – durch alle Schichten, politische Orientierung etc.

Dabei erlebe ich die Zeit auf unserer Seite: Wie auch die Abschaffung der offiziellen Sklaverei einmal undenkbar schien, oder das Wahlrecht für Frauen, so scheint uns heute die Abschaffung der Schulpflicht als unmöglich. Aber sie wird sicher kommen. So wie sich auch der Kapitalismus abschaffen wird. Aber man muss und kann ja nicht so lange warten.

Wie auch die Abschaffung der offiziellen Sklaverei einmal undenkbar schien, oder das Wahlrecht für Frauen, so scheint uns heute die Abschaffung der Schulpflicht als unmöglich. Aber sie wird sicher kommen.

Joshua Conens

Bildung ist die Erfahrung, sich zu entwickeln

Tobi Rosswog: Was ist eigentlich Bildung für Dich?

Joshua Conens: Bildung ist für mich die Erfahrung, sich zu entwickeln. Insofern ist es natürlich auch Bildung, wenn ich zum Beispiel löten lerne oder wie ich ein Marmeladenglas auf bekomme, das so fest zugedreht ist, dass ich es nicht aufdrehen kann. Aber die Entwicklung ist da doch eher minimal. Viel wesentlicher sind doch die Erfahrungen, selber Ideen zu entwickeln für Herausforderungen, vor denen ich stehe, und diese dann sogar auch noch umsetzen zu können. Also zum Beispiel Selbstwirksamkeitserfahrungen gehören in meinem Leben zu den prägendsten Bildungserlebnissen. Oder mit Verantwortung umzugehen, was Loyalität heißt in einer Freundschaft und wie nah man einem anderen Menschen eigentlich sein kann.

Tobi Rosswog: Welches Menschenbild drückt sich im aktuellen Bildungswesen aus und auf welchem könnten zukünftige Bildungslandschaften fußen?

Joshua Conens: Ja, was bedeutet es eigentlich Mensch zu sein? Und warum bin ich hier als Mensch? Ich glaube, um solche Fragen kommen wir nicht herum. Wahrscheinlich, weil es nie eine abschließende, allgemeingültige Antwort darauf geben wird. Ich muss also etwas ausholen.

Ich persönlich erlebe es so, dass ich hier bin um etwas Bestimmtes zu tun und zu erfahren. Dazu habe ich ganz konkrete Erfahrungen. Und für mich ist das das tiefste Erlebnis, dass es bestimmte Situationen, Themen, Menschen gibt, bei denen ich spüre: Das hat etwas mit mir zu tun – viel tiefer als es für mich zum Beispiel der Begriff „Interesse“ ausdrücken würde. Ich kann sagen, für mich ist das existenziell. Diese Form von Ich-Erlebnis. Und für mich ist das die Frage auch bezüglich der Bildung: Wollen wir den Menschen so betrachten, dass jeder Einzelne ein Individuum ist mit individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und letztendlich auch einem eigenen Lebenssinn? Und das das es ist, was uns auszeichnet?

Dann würde „erwachsen-werden“ für mich nur das bedeuten: Mich selber kennenzulernen und das, was ich mitbringe in der Welt, einbringen zu können (dafür muss ich natürlich auch die Welt, in der ich lebe, kennenlernen). Das ist auf jeden Fall mein Menschenbild, aus dem heraus ich meinen Sohn begleite und versuche andere junge Menschen zu begleiten und Infrastrukturen zu schaffen, die darauf aufbauen.

Zum Abschluss noch ein letztes Zitat von Orland Bishop, der für mich einer der größten Meister ist. Er hat vor allem in Los Angeles mit Menschen gearbeitet die ein richtig schwieriges Leben hatten mit Drogen, Gefängnis und ähnlichem.

„Before birth we make this agreement that we will come and fulfill something very unique and particular on this earth. But right before we are born, we embrace the tree of forgetfulness and we come into a search, we come into a quest for meaning. We want to rediscover the agreement that we made with our divine self.

All the other agreements are secondary agreements. They help us to reconnect to the memory of our lives, but this one vital agreement, remains hidden in the soul, it’s our real identity, it’s the part of ourselves that no one can tell us what it is who we are. It’s the part of ourselves that is locked into the heart, and only when we find what we love we find the identity of who we are.

There’s thus no other type of knowledge, no other type of experience, other than finding the courage to love something very unique about oneself and about the world.“

Orland Bishop

(Hier klicken für eine Übersetzung des Zitats…)

„Vor der Geburt treffen wir diese Vereinbarung, dass wir kommen und etwas sehr Einzigartiges und Besonderes auf dieser Erde erfüllen werden. Aber kurz bevor wir geboren werden, umarmen wir den Baum des Vergessens, und wir begeben uns auf eine Suche, wir begeben uns auf eine Sinnsuche. Wir wollen die Vereinbarung wiederentdecken, die wir mit unserem göttlichen Selbst getroffen haben.

Alle anderen Vereinbarungen sind Nebenabsprachen. Sie helfen uns, uns wieder mit der Erinnerung an unser Leben zu verbinden, aber diese eine lebenswichtige Vereinbarung bleibt in der Seele verborgen, sie ist unsere wirkliche Identität, sie ist der Teil von uns selbst, von dem uns niemand sagen kann, was es ist, wer wir sind. Es ist der Teil von uns, der im Herzen eingeschlossen ist, und nur wenn wir finden, was wir lieben, finden wir die Identität dessen, was wir sind.

Es gibt also keine andere Art von Wissen, keine andere Art von Erfahrung, als den Mut zu finden, etwas ganz Einzigartiges an sich selbst und an der Welt zu lieben.

Orland Bishop

Tobi Rosswog: Was sind konkrete Tipps für unsere Leser*innen?

Joshua Conens: Das mit den konkreten Tipps ist ja so eine Sache. Bildung ist ein so breites Feld und die Menschen und Anliegen so unterschiedlich, dass ich an dieser Stelle etwas zur inneren Ausrichtung schreibe. Meine Anregung ist vor allem, das, was fest gefügt scheint, zu hinterfragen und die eigene Wahrnehmung zu schulen und zum Ausgangspunkt zu machen. Wir sind in der Regel so sehr darauf geeicht worden, dass es eben bestimmte Wege gibt, die andere uns zeigen. Ich hatte in meinem Leben das Glück, viele auch unbekannte Wege kennenzulernen. Daher kann ich nur sagen: Sehr vieles von dem, was eigentlich nicht geht, geht doch. Bei der Navigation auf meinem Weg hat mir das immer geholfen, mich zu besinnen: Wessen Leben lebe ich eigentlich? Und was habe ich wirklich zu befürchten? Für mein Leben kann ich sagen: Meine größte Angst ist es, mein eigenes Leben nicht gelebt zu haben. Das führe ich mir immer wieder vor Augen.

In vielen Situationen und Lebensmomenten habe ich gemerkt, dass das, was ich brauche, nicht existiert oder ich nicht davon weiß. Also habe ich angefangen, die Rahmenbedingungen zu erschaffen, die ich mir wünsche. Wenn wir an einer neuen Welt bauen wollen – für die Bildungslandschaft ist das dringend nötig – dann muss ja irgendjemand damit anfangen. Lasst uns die Pionier*innen sein.

Tobi Rosswog: Danke Dir sehr, lieber Joshua, für dieses Interview und die Perspektiven.

Was hältst Du von einem Leben ohne Schule?

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4 Gedanken über “Leben ohne Schule

  1. Heidi Reidenbach

    Hallo
    Ich habe mich selbst und meine sechs Kinder durch die schule gequält. Und dabei ist mir vieles nach und nach klar geworden. Meine jüngsten Kinder haben als quereinsteigen eine Freie Schule besucht, deren Konzept, Schulleitung und Elternvorstand sich ständig veränderte. Meine Kinder konnten sich dort gut entfalten, vor allem ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten.Aber sie Gesamtentwicklung Schule, Bildung, selbstbestimmtes Lernen ist noch lange nicht ausgereift. Nach meiner Beobachtung braucht niemand eine Schule, da freie Menschen selbstbestimmt lernen und ihre Fragen und Bedürfnisse nach Wissen und Fertigkeiten selbst erfüllen. Dass braucht natürlich Möglichkeiten des Ortes, der Materialien und der Menschen. Dies ist m.Er. Nur in Gemeinschaften möglich. Dort können Kinder in Gruppen forschen, Erwachsene interviewen und nachahmen. Das ist natürliches Lernen im natürlichen Leben integriert.
    Darüberhinaus braucht es in diesem Kontext keine Industrie, keine Krankenhäuser, keine Verwaltung, keinen Arbeitsmarkt, keine Suchtmittel usw…

    1. Joshua Conens

      Liebe Heidi,
      ich danke dir für deinen Kommentar. Genau so erlebe ich es auch.
      In meinen Augen ist das eine der interessanten Fragen, was denn „Gemeinschaft“ sein kann. Für den Film CaRabA war das eine der entscheidenden Ausgangspunkte, dass Gemeinschaft nicht nur das ist, was sich selbst so nennt, sondern dass auch aus den „zufälligen“ Begegnungen (im städtischen Kontext) soetwas wie Gemeinschaft entstehen kann. Auch wenn ich dies teilweise bereits als realität erlebe, so ist es doch weitestgehend noch eine Vision.

  2. Eduard

    Ich finde, man sollte zuerst tiefer gehen und schauen, wo er denn hin sollte, der Mensch, und dann erst die Frage beantworten, ob Schule dahingehend förderlich ist. Diese Frage hängt sehr stark mit dem eigenen Menschenbild zusammen, weswegen das Thema Erziehung so persönlich ist.
    Wo in der jüngeren dt. Geschichte der Körper noch eine übergeordnete Rolle gespielt hat, sind wir heute bei der Betonung des Intellekts angekommen. (Das sieht man ja am Stundenplan, ein bisschen Sport für den Körper, ein bisschen Kreativität durch Musik und Kunst, aber die meiste Zeit geht es darum, allerhand Wissen in möglichst kurzer Zeit in junge Gehirne zu pfropfen.) Man sollte nicht radikal sein, diese Betonung hatte einmal seine Richtigkeit, und hat es in vielen Teilen der Welt auch heute noch, wenn die Eltern Analphabeten sind, und ohne Bildung eine Entwicklung des Menschen in keinster Weise möglich ist. Doch hier und heute hat sich die Situation seit Einführung der Schulpflicht erheblich verändert, die Eltern haben einen gewissen Bildungsstand, und das Wissen liegt schlichtweg überall herum, man trägt es soz. in der Tasche. Es wäre also abermals Zeit für die nächste Stufe, einem Paradigmenwechsel vom Intellekt zur Bewusstheit. Es gibt so ein altes bekanntes Zitat, das zur Erziehung und Bildung immer wieder fällt: „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet werden.“ Genau das ist damit gemeint. Hier kann auch festgestellt werden, dass eine intellektuelle „Füllung“ nichts Neues hervorbringen kann, jedes gedankliche Wissen ist im Grunde nur ein Recycling von etwas bereits Dagewesenem, oder höchstens eine Neukombination. Bewusstheit dagegen bedeutet Verweilen können, Kreativität, Inspiration, also das Entzünden einer völlig neuen Fackel. (Und das ist auch damit gemeint wenn es immer heißt, man solle den Genius des Kindes fördern.)
    Legt man diesen Paradigmenwechsel zugrunde, dann tritt die Frage nach Schule oder nicht etwas in den Hintergrund, und es sollte dementsprechend so sein, dass die besten, will heißen: die bewusstesten Menschen einer Gesellschaft in die Erziehung gehen sollten, jene, die junge Menschen inspirieren und so deren individuelles Potenzial zur Entfaltung bringen können.
    Es mag durchaus sein, dass einem solchen Shift z.Z. durch Homeschooling, also Bildungspflicht anstatt Schulpflicht, besser Rechnung getragen wird. Aber ich denke, zuerst muss man erst einmal klar darüber werden, wo es denn hingehen sollte.

    1. Joshua Conens

      Lieber Eduard,
      danke für deinen Kommentar. Da kann ich nur zustimmen :-)
      Genau darum geht es mir auch, dass ja die Antworten sehr unterschiedlich sind auf die Bildungsfrage. Und mit dem Schulhausanwesenheitszwang wird das einfach übergangen.
      Es sollte ganz verschiedene Orte und Möglichkeiten geben verschiedenes zu lernen. Wer den Intelekt ausbilden will, sollte dafür Anlaufstellen finden, wer die Ausbildung des Körpers in den Vordergrund stellt, sollte dafür Ansatzpunkte finden etc.
      Also aus politischer Perspektive kann es meiner Meinung nach nicht die Aufgabe sein, dabei die Menschen zu beformunden, sondern vielfälltigste Angebote zu schaffen und die individuellen Bedürfnisse zu unterstützen.
      Und parallel gibt es natürlich die Notwendigkeit der inhaltlichen Auseinandersetzung, was denn eigentlich Bildung ist – als Grundlage, für den individuellen Weg und die Wahl des eigenen Bildungsweges, der individuell gestaltet werden können sollte.

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