Alles könnte ganz anders sein!

Ein Interview mit Luisa Kleine

Von Tobi Rosswog
3. Februar 2021

Mit Luisa darf ich schon seit einigen Jahren verbunden sein und Projekte in die Welt bringen. Gemeinsam mit Friederike Habermann (unter ansteckendsolidarisch und UmCARE zum Miteinander interviewte ich auch sie schon) und vielen anderen gestalteten wir 2017 das erste MOVE UTOPIA. Luisas Motivation, Kreativität und Tatkraft haben mich immer schon begeistert. Ich bin dankbar mit ihr dieses Interview machen zu dürfen und euch ein bisschen in die fabelhafte Welt der Luisa mitzunehmen.

Tobi Rosswog: Liebe Luisa! Wie wunderbar, dass das Interview klappt. Stell Dich bitte kurz vor.

Luisa Kleine: Seit einigen Jahren begeistert mich das Bilden von Kollektiven, Gemeinschaften, Netzwerken und von der Macht, die entsteht, wenn Menschen sich zusammentun, sich miteinander verständigen und gemeinsam ins Handeln kommen. Mich interessiert auch, warum das so oft scheitert und anstrengend ist und wodurch unser Zusammenkommen strukturell verhindert wird.

Nach der Schule bin ich ein Jahr lang durch Gemeinschaften in Europa gereist, dann bin ich selbst in eine politische Kommune in Kassel gezogen und habe nun im Oktober selbst eine Gemeinschaft in einer nordhessischen Kleinstadt gegründet, in der ich nun mit 12 jungen Menschen lebe. Gleichzeitig schreibe ich über zukunftsfähiges Leben bei der Zeitschrift Oya, bin im Lenkungskreis des deutschen Ökodorfnetzwerkes und habe einige Veranstaltungen organisiert wie das MOVE Utopia oder die Ausbruch Messe, bei denen Menschen mit anderen Selbstverständlichkeiten zusammenkommen und Dinge in Bewegung kommen.

Tobi Rosswog: Danke Dir herzlichst für diesen Einblick in Dein Tun und Sein. Was bewegt Dich ganz aktuell?

Portrait von Luisa Kleine aus der Fuchsmühle
Portrait von Luisa Kleine aus der Fuchsmühle

Luisa Kleine: Mich begeistert die Vorstellung, das alles ganz anders sein könnte. Diese Vorstellungen davon lebendig in mir zu halten und meine Sehnsucht nach einem anderen Gesellschaftssystem zu nähren gibt mir ganz viel Kraft in Bewegung zu bleiben. Das sind eigentlich ganz naheliegende Vorstellungen. Ich kann es mir zum Beispiel vorstellen nachts in einer Großstadt unterwegs zu sein und keine Angst mehr vor Männergruppen zu haben oder wie es wäre, wenn wir das essen, was in der Landschaft wächst, in der wir leben und sogar die Menschen zu kennen, die es ernten. Ich kann mir andere Lernorte vorstellen, in denen kleine und große Menschen ohne Angst lernen können und ich kann mir vorstellen mit meinen Talenten in einer Gesellschaft beizutragen, ohne dafür bezahlt zu werden.

Die Vorstellungskraft ist ein ausgefuchster Trick von mir gegen Resignation und Kreativlosigkeit. Die Sehnsucht nach einer Zukunft für Alle ist eine große Kraft in mir, die mich hoffentlich noch lange trägt.

Mein Steckenpferd ist es, Menschen zu versammeln und Freiräume zu kreieren, in denen Menschen andere Selbstverständlichkeiten erleben können.

Luisa Kleine, Fuchsmühle

Tobi Rosswog: Wie meinst du kommen wir zu der Gesellschaft, die du dir vorstellst?

Luisa Kleine: Ich glaube, die Transformation muss auf ganz vielen Ebenen gleichzeitig passieren. Sie findet in uns selbst, unserer gesellschaftlichen Kultur aber auch in unseren Gesetzen und ganz materiellen Infrastrukturen statt. Mir ist es wichtig diese verschiedenen Ebenen mit gleicher Wichtigkeit zu sehen und mich dann zu fragen, welche Türen in der Position mit den Talenten und Privilegien, die ich gerade habe, leicht zu öffnen sind, um einen sozial- ökologischen Wandel zu bewirken.

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Mein Steckenpferd ist es, Menschen zu versammeln und Freiräume zu kreieren, in denen Menschen andere Selbstverständlichkeiten erleben können. Wenn Leute in einem Workshop oder einem Zusammentreffen, wie dem MOVE Utopia eine andere Kultur erlebt haben können sie sich oft auch gesellschaftlich andere Sachen vorstellen und kommen ins Handeln. Leider werden die Keimlinge einer neuen Kultur oft von der Verwertungslogik, dem Profitzwang und der dominanten Konkurrenzkultur unserer Gesellschaft zermahlen.

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„Der Innere und Äußere Wandel sind dann wie zwei Ruder, die wir benutzen können, um voranzukommen. Ohne eins von ihnen drehen wir uns im Kreis.“
– Luisa Kleine, Fuchsmühle

Menschen kommen von einem tollen Seminar zurück und müssen dann doch zur fremdbestimmten Lohnarbeit gehen, um die Miete an die unbekannte Vermieter*in zu zahlen und die in Plastik verpackten Tomaten von sonst wo her zu kaufen. Deshalb ist es glaube ich essenziell gleichzeitig Strukturen im Außen aufzubauen, die dieser neuen Kultur ein Zuhause geben kann. Wie eine schützende Form. Eine Solidarische Landwirtschaft, eine gemeinsame Ökonomie, ein Stammtisch des guten Lebens für emotionale Unterstützung, ein Umsonstladen oder ein Repair-Cafè. Um etwas Neues zu erschaffen brauchen wir vor allem einander, um dem Druck des alten Systems zu trotzen. Wenn wir Strukturen neuer Selbstverständlichkeiten schaffen glaube ich daran, dass eine neue Kultur blühen kann und wir und auch unsere Beziehungen sich ändern werden. Der Innere und Äußere Wandel sind dann wie zwei Ruder, die wir benutzen können, um voranzukommen. Ohne eins von ihnen drehen wir uns im Kreis.

Nicht nur Kleidung, Care-Arbeit und Bücher teilen, sondern auch das Geld

Tobi Rosswog: Wie sieht das konkret in deinem Leben aus?

Luisa Kleine: Gerade lebe ich mit elf weiteren Menschen in einer alten Mühle am Rande einer nordhessischen Kleinstadt. Wir sind hier zusammengekommen, weil wir uns alle fragen, wie eine zukunftsfähige Region aussehen könnte und uns Partizipation begeistert. Wir versuchen uns in ganz vielen Bereichen gemeinsam zu organisieren, zum Beispiel kaufen wir vieles gemeinsam ein, waschen gemeinschaftlich und teilen die meisten Bücher und Kleidung miteinander. Außerdem leben wir funktional, das bedeutet, niemand hat ein eigenes Zimmer, sondern die Zimmer haben verschiedene Funktionen (Büro, Schlafraum, Wohnzimmer, Bewegungsraum oder Rückzugsraum) und wir haben auch eine gemeinsame Ökonomie, das bedeutet wir schmeißen all das Geld, was jeden Monat bei jedem Einzelnen reinkommt in einen Topf und alle nehmen sich, was sie brauchen. In den letzten Monaten haben wir uns auch jeden Monat gemeinsam einem Thema gewidmet und ganz viel gemeinsam darüber gelernt, uns Referent*innen eingeladen und passende Projekte gemacht.

Unsere Vision ist, hier in der Region zu einem Wandel hin zu einer gerechteren Gesellschaft beizutragen, der alle Bereiche umfasst, also ändert, wie wir miteinander wirtschaften, feiern, uns begegnen, mit der Natur sind oder uns bilden. Wir fragen uns, wie wir mit der wachsenden Einsamkeit, der Dürre, der Vereinzelung oder dem Leerstand umgehen können. Wir wollen nicht nur eine Gemeinschaft gründen, sondern ein regionales Netz der Gemeinschaftlichkeit weben. Gerade gucken wir noch, was überhaupt hier gebraucht wird und was schon da ist aber wir träumen schon von Kollektivbetrieben, Kulturcafès, Biographieabenden, Gemeinschaftsgärten, offenen Werkstätten und unfassbar viel mehr. Wir sind total dankbar für den netten Empfang der Menschen hier und freuen uns über jede Mail oder Spaziergangsbegegnung.

„Wir fragen uns, wie wir mit der wachsenden Einsamkeit, der Dürre, der Vereinzelung oder dem Leerstand umgehen können.“
– Luisa Kleine, Fuchsmühle

Kleine, tauschlogikfreie Reallabore

Tobi Rosswog: Danke Dir für die konkreten Einblicke. Nochmal zu Deinem anderen Talent – dem des Schreibens. Der wunderbare Text „Suppenutopie“ kommt aus Deiner Feder. Was magst Du damit zum Ausdruck bringen?

Luisa Kleine: Den Text habe ich geschrieben als Friederike Habermann ihr großartiges Buch „Ausgetauscht! – warum eine gerechte Gesellschaft tauschlogikfrei sein muss“ schrieb und es mir zum Lesen gab. Bei den sehr theoretischen Gedanken überkam mich das Gefühl, dass eigentlich alles ganz einfach ist, und nur der Wahn, in dem wir gerade leben es so kompliziert macht. Wenn Menschen zusammenkommen (zumindest, wenn man den äußeren Druck des Systems ein bisschen heraushält) und sich selbst organisieren, passiert das meistens tauschlogikfrei – von ganz alleine. Tauschlogikfrei bedeutet, dass alle mit dem was notwendig ist oder auf das sie Lust haben frei beitragen können und das nehmen können, was sie brauchen. Das ist eigentlich ganz einfach. Und trotzdem fehlt uns für diese Einfachheit oft die Sprache. Elinor Ostrom hat den Nobelpreis dafür bekommen, zu zeigen, dass das nicht nur hier im Kleinen beim Suppe kochen mit Freunden funktioniert, sondern auf der ganzen Welt: Menschen produzieren, verwalten, pflegen und teilen Schönes und Nützliches.

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Tobi Rosswog: Warum sind Projekte, wie die Fuchsmühle wichtig für diesen Prozess?

Luisa Kleine: Wir tappen im Dunkeln, wenn wir uns fragen, was die Zukunft bringt. Da ist es hilfreich sich zumindest die Hände zu reichen und gemeinsam zu tappen. Die Fuchsmühle ist ein Ort, wo das passieren kann. Wir wissen auch nicht, wie’s geht, aber wir versuchen unsere besten Antworten mit jedem Tag, den wir leben, zu geben. Nischenprojekte, wie die Fuchsmühle sind wie kleine Reallabore, in denen wir erforschen können, wie es sein könnte. Und manchmal kann ich das tatsächlich fühlen. Beim Geld abheben in der Bank, das Stimmengesumm beim gemeinsamen Essen oder, wenn eine Aktion, die wir gemeinsam geplant haben, funktioniert, dann kann ich manchmal einen Hauch Utopie schmecken. Und das nährt mich und meine Vorstellungskraft so sehr, dass ich weiter für eine Transformation auf gesellschaftlicher Ebene kämpfen will, ohne die solche Momente immer wieder verstummen werden.

Tobi Rosswog: Danke Dir herzlichst, liebe Luisa. Ganz viel Freude und Tatenkraft weiterhin! In dem Sinne schreiten wir gemeinsam mit den Zapatistas gesprochen fragend voran.

Habt ihr noch Fragen an Luisa? Dann ab in die Kommentare und bestimmt antwortet Luisa auf die ein oder andere Frage.

13 Gedanken über “Alles könnte ganz anders sein!

  1. Gesine

    Liebe Luisa, liebe Fuchsmühlenbewohner!!! Toll was ihr macht! Das erinnert mich an meine Zeit zwischen 20 und 23 – das war 1980-1983. Wir haben auf dem Land zusammen in einer WG gewohnt und von Selbstversorgung und Handwerk geträumt und auch teilweise umgesetzt. Die Grünen entstanden, erste Bioläden wurden geboren, die Anti-AKW-Bewegung und Feminismus-Bewegung waren allgegenwärtig. Danach bin ich zum Studieren nach Berlin gezogen. Dort gab es eine gemeinsame Food-Coop mit Bio-Lebensmitteln für die Hausbewohner. Jetzt wohne ich wieder auf dem Land zusammen mit meinem Mann und versuche mich weiterhin in einer nachhaltigen Lebensweise.
    Da ich hier aber kaum Gleichgesinnte finde, tausche ich mich gerne in den entsprechenden Gruppen im Internet aus und erfahre viel Neues – Anregungen zum Bessermachen. Ich bin froh, das es solche Gruppen gibt!! Mir scheint was ihr heute anders und besser macht: ihr seid fokussierter auf die Themen, die euch interessieren und effektiver – während wir damals nur irgendwas ausprobiert haben, was einfach nur erst mal anders sein sollte als die etablierte, gesellschaftliche Meinung. Heute – halleluja – gibts das Internet und das hilft enorm!!

    1. Luisa

      Liebe Gesine! Das hört sich nach tollen Geschichten an! Ich hoffe du findest bald auch Gleichgesinnte in deiner Umgebung! Vielleicht kennst du schon die karte von Morgen? Da kann man ganz gut einen Überblick bekommen, was es so gibt :-)
      Herzlich, Luisa

  2. judith

    ….wunderbarer Beitrag,…ich „zähle“ mich schon zu den älteren Semestern, 52, und bewundere Generationen wie Luisa so kreativ- gemeinsam zu denken, träumen, handeln. unsere Generation ist noch sehr geprägt vom „ich“ , der Angst wie kann ich überleben. obwohl ich für mich auch schon einen Anderen Weg gewählt habe, „allein“ und das ist ziemlich schwierig in den „alten Strukturen“ (zu überleben). und trotzdem zähle ich mich zu den Vorreitern, Visionären! liebe Grüße und danke für den inspirierenden Text!

      1. Gesine

        Ah, interessant, deine Tauschlogikfreiheit. Vielleicht kann man es auch umgekehrt sehen. Wir haben einen Garten, den wir dann und wann für Besucher öffnen. Ich backe ein Blech Kuchen und koche eine Riesen-Thermoskanne voll Tee für die Besucher und stelle alles einfach zur Selbstbedienung hin. Daneben steht eine Box mit der Bitte um Spenden. „Spende, was es dir wert ist“. Erstaunlicherweise ist immer ca. das Gleiche in der Box, genug um unsere Kosten zu decken und ein bisschen mehr. Passt. Das mache ich schon seit Jahren so. Klar könnte ich jetzt auch einen Preis dran schreiben, der am Ende des Tages mehr Gewinn bringen würde. Aber dann müsste ich ja auch für die Umsetzung dieses Preises sorgen. Ich bräuchte eine Kasse, eine Ausgabestelle etc. Ich müsste die Ware mit dem definierten Wert schützen. Das Schöne ist ja gerade, das das Spendensystem mir keine weitere Arbeit abverlangt. Und alle sind zufrieden und kommen vielleicht wieder. Ich muss allerdings dazu sagen, das wir einen fest definierten Eintrittspreis haben – einfach damit unsere Arbeit gewertschätzt wird und wir zudem regulieren können, wieviele Besucher zu uns kommen. Da habe ich noch keine andere Methode gefunden. Vielleicht hast du eine Idee, liebe Luisa? Herzlichst Gesine

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