Der Wandel muss von unten kommen

Wie Du mit der Kampagne gerechte1komma5 die Klima-Lösung selbst in die Hand nimmst

Antonia Voit
Von Antonia Voit
28. Mai 2020

Ich ärgere mich manchmal so über unsere Nachbarn. Weil sie wieder ihre wöchentliche Rasenmähertour durch den Garten starten und jede übriggebliebene Blume noch nachträglich mit der Nagelschere abzwicken. Und über den alten Mann, der bereits zum dritten Mal heute mit seinem Mercedes-Sportwagen an unserem Haus vorbeischleicht. Dabei ist heute Sonntag und hier am Ende vom Dorf überhaupt nichts, was man Wichtiges mit dem Auto erledigen könnte. „Haben Sie denn nichts Besseres zu tun!?“, würde ich manchmal gerne fragen.

An solchen Tagen diskutieren wir am Mittagstisch darüber, ob es den Leuten (und vor allem dem Klima) helfen würde, in einer Ökodiktatur zu leben, wo unnötiges Autofahren bestraft wird oder ob man mit den Nachbarn mal ein ernstes Wörtchen reden sollte.

"gerechte1komma5-Der Klimaplan von unten" bei der FridaysForFuture-Demo
Die Kampagne „gerechte1komma5 – Der Klimaplan von unten“ auf der Fridays For Future-Demo

In Wirklichkeit ist das natürlich Unsinn. Eine Ökodiktatur wünsche ich mir nie und nimmer und ich möchte einfach nur meinen Frust darüber rauslassen, dass ich manchmal das Gefühl habe, beim Klimaschutz gegen Windmühlen zu rennen. Und, dass unsere Regierungen uns mit der Frage um die Bewältigung der Klimakrise allein lassen.

Was meiner Meinung nach tatsächlich ein guter Weg sein kann und auch noch gute Laune macht, ist das Vorleben guter Ideen: Wir lassen beim Rasenmähen in unserer Wohnanlage ein paar Blumeninseln und wilde blühende Ecken stehen und werden seitdem von Spaziergängern angesprochen, wie schön unser Garten sei. Und wir haben eine Food Coop mitbegründet, zu der wir nicht mit dem Auto fahren müssen. Das sind nur Beispiele und sicher noch keine weltbewegenden, aber es gibt viele Dinge, die man machen kann. Und je mehr Leute damit anfangen, umso besser.

Gerechter Klimaschutz von unten

Weil jeder Mensch in verschiedenen Bereichen gute Ideen haben kann, macht es Sinn sich zusammenzutun und dieses Wissen zusammenzutragen. Eine Kampagne, die genau das zum Ziel hat, ist die Kampagne „gerechte1komma5“ mit ihrem „Klimaplan von unten“. Eine klasse Sache! Was der „Klimaplan von unten“ genau ist und wie man sich einbringen kann, darüber erzählt uns Tuk, der mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet hat.

Antonia: Wer seid ihr? Und was ist der Klimaplan von unten?

Portrait des g1k5-Orgateam-Mitglieds Tuk
Tuk, aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung, beim Klimacamp im Rheinland und im Hambacher Wald. „Ich bin überzeugt, dass es neben dem wichtigen Widerstand gegen die bestehenden Strukturen auch eine Suche nach Alternativen geben muss.“

Tuk: Wer wir sind ist schwer zu beantworten, da an der Kampagne gerechte1komma5 auf so vielen verschiedenen Ebenen mitgearbeitet werden kann und es deshalb schwer ist eine klare Linie zu ziehen, wer dazu gehört und wer nicht.

Ich beziehe die Frage jetzt einfach mal auf die Orga-Crew von gerechte1komma5. Wir sind eine offene Gruppe, die sich das erste Mal im April 2019 getroffen hat und sich seitdem kontinuierlich wächst und wandelt, wobei es natürlich auch Menschen gibt, die die ganze Zeit dabei sind. Einige von uns waren bereits vorher in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv, zum Beispiel bei Ende Gelände oder im Hambi (Hambacher Forst, Anmerkung der Redaktion), aber für die meisten ist es eine neue Erfahrung eine solch große Kampagne zu stemmen und wir lernen während des Prozesses unglaublich viel. Deshalb braucht es auch kein Vorwissen, um sich beim Klimaplan von unten zu engagieren und alle sind herzlichst dazu eingeladen.

Der Klimaplan von unten ist eine Sammlung von Maßnahmen die auf sozial und global gerechte Art und Weise die Erderwärmung auf unter 1,5 °C begrenzen soll. Der Schreibprozess hierzu hat im September 2019 begonnen und ist offen für die Beteiligung aller. Er findet sowohl online über ein Wiki, dass wir zu diesem Zweck eingerichtet haben, als auch über sogenannte dezentrale Write-Ins statt. Bei den Write-Ins kommen Menschen analog zusammen, um den Klimaplan von unten zu lesen, zu diskutieren, zu kommentieren und zu ergänzen.

Uns ist wichtig aufzuzeigen, dass es Maßnahmen gibt, die in der Lage sind große Mengen Treibhausgasemission einzusparen und es vor allem am politischen Willen liegt, dass dies nicht geschieht.

Antonia: Was ist euer Ziel?

Tuk: Uns ist wichtig aufzuzeigen, dass es Maßnahmen gibt, die in der Lage sind große Mengen Treibhausgasemission einzusparen und es vor allem am politischen Willen liegt, dass dies nicht geschieht. Regierungen und Wirtschaft versuchen uns oft das Gegenteil weiß zu machen oder verweisen auf angeblich noch kommende technische Innovationen. Das halten wir für fahrlässig und faktisch falsch, was wir versuchen sichtbar zu machen.

Gleichzeitig wollen wir Menschen dazu ermutigen, sich selbst als diejenigen zu verstehen, die den Wandel bringen, den wir brauchen und die Verantwortung nicht mehr bei Politik oder Wirtschaft zu sehen. Es wird Zeit, dass wir unsere Gesellschaft wirklich demokratisch gestalten, in allen Bereichen, auch der Wirtschaft. Eine Gesellschaft kann nur gerecht sein, wenn niemand Entscheidungen treffen und umsetzen kann, welche Menschen betreffen, die diesen nicht zustimmen.

Antonia: Wer ist beim Klimaplan von unten gefragt?

Erster Write-In der Kampagne gerechte1komma5 und Startschuss des Schreibprozesses.
„Alle sind eingeladen sich zu beteiligen.“

Tuk: Der Klimaplan von unten ist ein basisdemokratisches und damit offenes Projekt. Alle sind eingeladen sich zu beteiligen. Möglichkeiten sind zum Beispiel Maßnahmen zum Klimaplan von unten beizusteuern, bestehende Maßnahmen zu kommentieren und zu ergänzen, den Klimaplan bekannter zu machen oder sich in der Orga-Crew der Kampagne zu beteiligen. Dafür ist kein Vorwissen benötigt, wir lernen alle während wir uns engagieren.

Klimagerechtigkeit, also der faire Umgang mit den Ursachen und Folgen der Klimakrise, kann nur von unten kommen.

Antonia: Warum jetzt?

Tuk: Das Problem der Klimakrise ist seit Jahrzehnten bekannt, seit inzwischen einem Vierteljahrhundert treffen sich die Oberhäupter von knapp 200 Staaten jährlich, um über Lösungen zu reden, doch bis heute gibt es keine wirklich greifenden Maßnahmen, die der Klimakrise entgegenwirken. Wenn dann doch mal Maßnahmen ergriffen werden, führen diese meist zu Verlagerungseffekten der Probleme und bieten großen Konzernen des globalen Nordens billige Wege sich ein grünes Image zu erkaufen und ihre Geschäfte und Profite auf Kosten der Großzahl der Menschen weiterzuführen. Besonders betroffen sind hiervon gerade die Menschen, die historisch am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben. Das sind vor allem Menschen im globalen Süden, die auch in vielen anderen Aspekten unter dem Fortbestehen kolonialer Macht- und Ausbeutungsstrukturen leiden.

Gleichzeitig sagen uns Prognosen, dass wir nur noch knapp 10 Jahre haben, um die Erderwärmung auf unter 1,5 °C zu begrenzen und nicht absehbare Katastrophen zu verhindern. Wir glauben, dass es deshalb höchste Zeit ist die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Klimagerechtigkeit, also der faire Umgang mit den Ursachen und Folgen der Klimakrise, kann nur von unten kommen.

Wir wünschen uns, dass der Klimaplan, nachdem er basisdemokratisch erarbeitet wurde, auch von der Basis, der Zivilgesellschaft, also dir und mir, umgesetzt wird.

Antonia: Was soll mit dem Klimaplan von unten passieren?

Tuk: Der Klimaplan von unten ist auch ein Klimaplan für unten. Das heißt wir wünschen uns, dass der Klimaplan, nachdem er basisdemokratisch erarbeitet wurde auch von der Basis, der Zivilgesellschaft, also dir und mir, umgesetzt wird. Letztlich kann jede Initiative sich der Maßnahmen bedienen und an ihrer Umsetzung arbeiten. Ob das dann in Form der Gründung einer Energiegenossenschaft, dem Druck aufbauen auf die lokale Politik oder dem solidarischen Unterstützen von Menschen zum Beispiel in Kolumbien gegen den Abbau von Steinkohle ist, bleibt den Menschen selbst überlassen.

Was braucht es um aktiv zu werden?

Antonia: Wie seid ihr dazu gekommen, dieses Projekt zu starten?

Tuk: Wir haben den starken Willen dazu für eine gerechte Welt zu streiten. Die Klimakrise ist wohl das dringendste Problem unserer in vielen Aspekten ungerechten und zerstörerischen Gesellschaft. Also haben wir versucht zu analysieren an welchem Punkt sich Diskurse und die Bewegung befinden und dann angefangen zu überlegen was auf dieser Analyse basierend Sinn ergeben würde zu tun, um unseren Teil beizutragen und den nötigen Wandel voranzubringen.

„Es ist wichtig, dass Menschen zusammenkommen, ihre Ideen und Wünsche besprechen, Pläne und Strategien entwickeln, wie sie diese Realität machen können und dann loslegen“

Analoger Write-In des "Klimaplan von unten" in Magdeburg-Brainstorming
Analoger Write-In in Magdeburg

Antonia: Kann das jede*r?

Tuk: Wir sind davon überzeugt, dass das jede*r kann. Natürlich nicht allein. Es ist wichtig, dass Menschen zusammenkommen, ihre Ideen und Wünsche besprechen, Pläne und Strategien entwickeln, wie sie diese Realität machen können und dann loslegen.

Wichtig ist anzufangen.

Auf dem Weg lernt man so viel und wenn dann Dinge erst mal nicht funktionieren, dann lernt man halt daraus und versucht es nochmal. Wenn wir bereit sind Fehler zu machen, uns Zeit nehmen unser Handeln zu reflektieren und es dann entsprechend anzupassen, kann man nicht viel falsch machen.

Antonia: Was für Werkzeug braucht man dazu?

Tuk: Wie gesagt braucht es vor allem Verbündete, mit denen man zusammen für etwas streiten kann. Alles andere ist zweitrangig, wenn auch nicht zu vernachlässigen. So ist es sicher nützlich sich weiterzubilden, sich mit Konsens oder Bewegungsstrategie zu befassen, aber tatsächlich auch mit politischer Theorie und Geschichte, so trocken das zu Beginn auch klingen mag.

Na dann, los geht’s!

Antonia: Wie finden Interessierte die Sammlung an Maßnahmen, die ihr zusammentragt?

Tuk: Generell kann man Informationen zu Kampagne auf unserer Website gerechte1komma5 finden.

Da gibt es dann auch einen Link, der zur 1. Auflage des Klimaplan von
unten
führt.

Und dann gibt es noch das Wiki von gerechte1komma5, in dem die Informationen zusammengetragen werden, bevor wir sie so aufbereiten, dass sie in Form einer Auflage eine extra Website bekommen.

Antonia: Gibt es ein finales Datum, an dem der Klimaplan von unten fertig ist?

Tuk: Bisher ist die Arbeit am Klimaplan von unten ein offener Prozess. Wir glauben nicht, dass er je „fertig“ in dem Sinne sein kann, dass alle Problematiken, die es im Zusammenhang mit der Klimakrise gibt, behandelt und (theoretisch) gelöst sind. Wir lernen als Bewegung und Gesellschaft ja auch immer dazu, sowohl, was weitere Probleme angeht, als auch ihre potenziellen Lösungen.

Wir haben als bisheriges Orga-Team jetzt erstmal eine 2. Auflage geplant und arbeiten an ihrer Umsetzung, wobei noch kein genaues Datum für deren Veröffentlichung feststeht. Wenn Menschen Lust haben in den Prozess hierzu einzusteigen, sind sie natürlich herzlichst eingeladen.

Antonia: Danke Tuk für deine klugen und ausführlichen Antworten.

gerechte1komma5 und Du

Nur gemeinsam kann es uns gelingen, auch große Themen anzugehen, die tatsächlich weltweit Einfluss haben. Und wenn man mal wieder Inspiration braucht oder sich auf seinem Weg allein fühlt, kann man sich mit dem „Klimaplan von unten“ aus einer Sammlung an Maßnahmen bedienen und sich von vielen klugen und kreativen Köpfen motivieren lassen. Egal ob als Politikerin oder Landarbeiterin oder Konsumentin. Damit der Wandel unserer Gesellschaft gemeinsam von unten geschieht.

Habt ihr Ideen, wie wir der Klimakrise begegnen können? Wollt ihr gemeinsam an Lösungen arbeiten? Dann schließt euch dem „Klimaplan von unten“ an oder schreibt eure Ideen unten in die Kommentare.

2 Gedanken über “Der Wandel muss von unten kommen

  1. Eduard

    Hallo,
    ich bin mir nicht sicher. „Klimaschutz von unten“, ich würde sagen, auch von innen… Einerseits gibt es in den westlichen Ländern eine starke ausführende Kraft (allen voran Exportweltmeister Deutschland), doch die ganze Zeit, Energie und Intelligenz wird mangels einer inneren Kultur nach außen kanalisiert (obwohl das Überleben wohl für viele bereits gesichert ist). Wenn Arbeit sinnbestimmend für das Leben ist, kann man nicht zurückstecken, egal ob es hinsichtlich eines gesellschaftlichen Nutzens überhaupt noch Sinn macht (Kaffeemaschinen für über 1000 euro, selbstfahrende Autos…??). Aber der Energie- und Ressourcenverbrauch ist da, und kann nicht weniger werden, weil der Mensch als solches in dem drinsteckt.
    Der dem zugrundeliegende Aspekt ist der des Glücks. Wenn unsere Glücksquelle nur außen liegt, d.h. durch den Kontakt mit anderen Menschen, Dingen, Gedanken, Gefühlen, usw. erfahrbar wird, dann ist eine äußerliche Beschränkung auch nicht vorstellbar, weil Glück eben ein fundamentales menschliches Bestreben ist. Da heißt es dann oft, je mehr Energie- und Ressourcenverbrauch, desto höher die Glückserwartung. Solange wir uns also keine innere Quelle für unser Glück erschließen können, wird das im großen Stil nichts werden mit dem Verzicht. Nur wenn es einen innerlichen Ersatz gibt, wird äußerlicher Verzicht nicht als solcher empfunden.
    Ich zum Beispiel unterstütze den zeitgenössischen indischen Meister Sadhguru, der gerade mit einem global impact die Yogawissenschaft wiederbelebt. Das detaillierter auszuführen ist hier nicht der Ort, aber es geht im Grunde um das eben Gesagte, die Erschließung unserer natürlichen inneren Quelle anhand einer rein technischen Methodik. Von daher, auch das sollte Teil eines Klimaplanes sein, naja, müsste doch eigentlich…?
    Mit den besten Wünschen und Grüßen,
    Eduard

    1. Antonia VoitAntonia Voit Beitrags Autor

      Lieber Eduard,
      wenn ich dich richtig verstehe, geht es dir um einen inneren Wandel?
      Ich glaube auch, dass wir etwas brauchen, das uns von innen heraus inspiriert. Damit wir die Motivation haben, für unsere Werte einzutreten. Ob das auf eine spirituelle Weise geschieht oder durch Werte, die wir z. B. in unserer Kindheit vermittelt bekommen, da gibt es bestimmt viele Wege.
      LG Antonia

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